Ecke für Tierfreunde


Die Liebe zum Stier – oder warum der Rest der Welt den Spanier nicht versteht

 

Spanien boomt: Im August platzt das Land aus allen Nähten. Der Tourist verzeiht Missmanagement, Wirtschafts- und Naturschutzsünden und er ignoriert, dass in diesem Land etwas Eigentümliches vor sich geht: Madrid stemmt sich trotzig gegen alles Kopfschütteln und beantragt bei der UNESCO den Stierkampf als immaterielles Kulturgut erklären zu lassen. Von kulturellen und artistischen Werten ist die Rede.

Dabei ist die überwiegende Mehrheit der Spanier an dem blutigen Gemetzel, welches Lobbyisten als wertvolles Kulturerbe predigen, wenig bis gar nicht interessiert. Die Ränge blieben selbst in namhaften Arenen leer, würde man einen Teil der Tickets nicht verschenken, würde man nicht ahnungslose Touristen in drittklassige Arenen karren, die nicht selten kreideweiß und in Tränen aufgelöst die Veranstaltung vorzeitig verlassen, weil sie im Vorfeld nicht ahnten, was da auf sie zukommt. Würde man nicht den Stierkampf mit Flamenco-Showeinlagen verknüpfen, um ein buntes Unterhaltungsprogramm zu suggerieren.

Doch der  Spanier liebt den Stier. Selbst der, der das fragwürdige Spektakel ablehnt, käme kaum auf die Idee Druck zu erzeugen, ein Verbot zu erreichen. Der Spanier hasst Gängeleien, Druck und Bevormundungen. Das gilt für alle Lebensbereiche. Insbesondere die Deutschen, die sich gerne solcher Praktiken bedienen täten sich leichter, würden sie dies erkennen und akzeptieren.

Und so hilft auch kein ausländisches Gezeter, kein empörter Protest jenseits iberischer Grenzen, keine vehementen Forderungen. Das alles ficht den Spanier nicht an, zumal ohnehin nur geschätzte 3% der Besucher der Corridas Ausländer sind. Viele davon Einmaltäter, weil naiv und uninformiert.

Der Spanier verehrt den 500 Kilogramm schweren toro bravo, dessen Züchtung bis in das 18. Jahrhundert zurückgeht. Er hat höchsten Respekt vor ihn. Warum er das prachtvolle Tier dann chancenlos, weil „präpariert“, niedermetzelt, wird uns ein Geheimnis bleiben. Wir werden nicht verstehen wo die Kunst liegt, mit gezielten Einstichen die Muskelstränge so zu verletzten, dass das Tier nicht mehr in der Lage ist, dem Torero Paroli zu bieten. Wir werden nicht verstehen, was der Spanier an kleinen und eigenbrötlerischen Männern liebt, die in bunten Anzügen sich vor einer der schönsten Schöpfungen der Natur winden und drehen und in unseren Augen unweigerlich lächerlich wirken.

Wir Nordeuropäer haben einen anderen Blickwinkel und der fällt schmerzlich auf das prachtvolle Tier. Wir sehen keine Kunst, wir sehen Blut und Schmerzen. Und jeder Einstich geht dem, der fern der spanischen Kultur aufgewachsen ist, mit unter die Haut. Wir begreifen diese große Bedeutung nicht, dessen Wurzeln sich tief in die Gesellschaft, Kunst,  Handel und Industrie eingegraben haben, mit ihnen verwachsen sind.

Doppelbödig die Moral vieler, die sich hier empören und anschließend sich ein gutes Stück Foie gras – Stopfleber – gönnen, die jammern, dass EHEC ihnen über Wochen den Verzehr von Gemüse lahmlegte, Dioxin-Eier beklagen ohne nachzudenken, dass der Fluch über die Massentierhaltung und schlechte Futterqualität herrührt. Die vielen die auf öffentlichen Medienplattformen ihre Entrüstung hinausbrüllen und doch wegschauen, wenn des Nachbarn Hund getreten wird. Daran krankt der Tierschutz.

Die spanische Politik ächzt unter der Last wirtschaftlicher und sozialer Last. Man wird sich genau überlegen, ob es förderlich ist mit dem Morden der Stiere weiter Stimmen zu gewinnen. Die Mehrheit der taurinos ist in die Rentenjahre gekommen. So mag man hoffen, dass das restliche Spanien Katalonien folgt, irgendwann, wenn die Tierschützer und Desinteressierten zahlenmäßig so überlegen sind, dass die Corrida ein Opfer der Moderne wird. Selbst wenn bis dahin die EU treudumm Millionen von Steuergelder in eine antiquierte Tierquälerei steckt, was der EU-Bürger treudumm hinnimmt.

España es diferente…in obiger Sicherheit soll man sich nicht wiegen. Die Gameboy- Generation hat ein  neues Spiel entdeckt. Statt virtuellem Schlachten üben sie sich im grausamen Realvergnügen. Man weiß nicht, was entsetzlicher zu beobachten ist: Das Kälbchen, welches blutüberströmt, hilflos und verzweifelt strauchelt, der Jugendliche, der triumphierend dem Tier das Ohr abschlägt oder die johlende Kindermeute in den gut gefüllten Rängen.

Susanne Haselhorst