Angelikas Blog

unter diesem Titel bringen wir in unregelmässiger Folge Berichte, Kommentare, Glossen und spanischen Sprachunterricht von Angelika Eisenführ.

Wenn Sie Fragen zur spanischen Politik, Geschichte oder Landeskunde allgemein haben,
setzen Sie sich mit ihr in Verbindung! Viele von Ihnen kennen Sie ohnehin als langjährige Redakteurin bei AMIGOS und ARENA. Ihre Daten sind: Telefon 972 45 10 51, e-mail eisenfuehr@empuria.info und notfalls Handy 676 067 019.

 


VIP-Knast

 

Geflüstert wurde es ja schon lange: Madrid sei dabei, ein hochmodernes Gefängnis  mit allen Schikanen zu bauen für die Horde von Verdächtigen   der spanischen Politik. An  Nachfrage fehlt es ja  tatsächlich nicht, nachdem der frühere Präsident des Autonomiegebietes Madrid, Ignacio González, vor einigen Tagen einrücken musste, woraufhin Esperanza Aguirre, seit über dreissig Jahren an höchster Stelle der Madrider Politik tätig, umtriebig und weitgehend lästig, ebenfalls das Feld räumen musste, obwohl sie sich von ihrem engsten Mitarbeiter ja nur „getäuscht gefühlt“ habe. Man staunt, mit wie viel Ignoranz die Welt regiert wird! 

Das Gerücht vom  Luxusgefängnis  ist, wie so viele Gerüchte, nur die halbe Wahrheit: in Wirklichkeit gibt es die Haftvollzugsanstalt Soto del Real schon seit 1995. Aber wahr ist trotzdem, dass dieses Gefängnis vor allem für Häftlinge gedacht ist, die vom Nationalen Gerichtshof verurteilt wurden, der obersten Justizbehörde Spaniens. So betreut die Bibliothek dieses Gefängnisses seit einiger Zeit Mario Condo, der in den achtziger und neunziger Jahren als Banker einen kometenhaften Aufstieg erlebte, ehe er ebenso steil abstürzte und seit seinem  Haftantritt zu einem Schatten seiner selbst wurde, wenn auch mit weiterhin scharfem Verstand.  Der ehemals elegante Banker, Liebling der Frauen und der Politik, geniesst   im Knast auch heute   das Privileg einer offenen Tür. Seine Zelle wird tagsüber nicht abgeschlossen, Conde kann sich innerhalb der Anlage frei bewegen. Nur nachts wird ein leiser Riegel vorgeschoben.

Die über 1.000 Zellen von Soto del Real beherbergen – meist in der Form der U-Haft -  Politiker, Geschäftsleute und Banker. Der neueste Zugang ist Jordi Pujol Ferrasola, der älteste Sohn des früheren katalanischen Präsidenten Jordi Pujol. Die Untersuchungen gegen diesen übercleveren skrupellosen Geschäftemacher laufen seit 2012, aber Polizei und Gerichte verschleppten die Ermittlungen über ganze fünf Jahre, ehe sie die Falle zuschnappen liessen. Der Auslöser dafür, so hiess es in der Presse, war die Tatsache, dass der Mittfünfziger, der ingesamt eine Milliardensumme in 18 Steueroasen dieser Welt geschleust haben soll, mit dieser Tätigkeit auch dann fortfuhr, als die Ermittlungen bereits in vollem Gange waren. „Junior“, wie er in der Branche allgemein genannt wird, gab treuherzig zu, er habe die letzten  20 Millionen (oder waren es 30 Millionen Euro?) ins Ausland verschleppt, um sie der spanischen Justiz zu entziehen, falls man ihn schuldig spreche…
Die Untersuchungsbehörden und das Gericht nahmen diese Erklärung kommentarlos hin. Und es ist ja auch wahr: im Mittelalter galt ganz Spanien als „el pais de la picarezca“, das Land des Gaunertums.  Das dürfte auch die Erklärung dafür sein, dass die überbordende Korruption , Geldwäsche, Steuerhinterziehung und viele andere Straftaten der politischen Klasse Spaniens   und nicht zuletzt der neunköpfigen Familie Pujol – Vater Mutter und alle sieben Sprösslinge -  in der Öffentlichkeit so wenig Echo finden.
Angelika Eisenführ

 

 

Parallele Wahrheiten

 

Wenn ich die spanische Presse lese, entringt sich mir schon seit langem jedes Mal ein Stoss-Seufzer: wie schwierig ist es doch, nicht jeden Tag eine Glosse zu schreiben!
Eine Glosse zu dem Getue unserer katalanischen Politdilettanten in Barcelona: da haben die ersten vier Abstimmungen  über den Wunsch der Bevölkerung dieses Autonomiegebietes, „ein neuer Staat in Europa zu werden“ jedes Mal negative Ergebnisse erzielt (ich erinnere an die ersten Versuchsballons im Jahre 2010 im tiefsten Hinterwald Kataloniens), wo 86% der sogenannten Wahlberechtigten gar nicht erst zu den Urnen kamen).

 Auch die vom Verfassungsgericht in Madrid schon im Vorhinein verbotene Abstimmung vom  9. November 2014 ergab, dass die MEHRHEIT der Katalanen KEINE Abspaltung vom restlichen Spanien wünschen. Was heisst eigentlich „das restliche Spanien“? Katalonien hat mal gerade 4 der insgesamt 50 Provinzen im Mutterland, die  Militärbastionen von Ceuta und Melilla auf marokkanischem Boden nicht mitgerechnet.

Aber was soll’s. Mein aus Gerona stammender Schwager, Ehemann meiner Schwester Andrea, lieferte mir schon vor Jahren eine überzeugende Definition  des jetzt wieder aufgeflammten Katalanismus: „Wir Katalanen haben unseren historischen Minderwertigkeitskomplex jetzt in einen Überlegenheitskomplex umgewandelt“.
Historischer Komplex? Ja, in der Tat: im Mittelalter galt Spanien als „das Land der fünf Königreiche“: Kastilien, Aragon, Navarra, Granada und Portugal.  Katalonien dagegen brachte es nur bis zum „Principado“, einem Fürstentum, weshalb der König von Spanien auch nur „conde de Barcelona“ sein konnte: Graf von Barcelona.

Aber ich will heute keinen Geschichtsunterricht erteilen, sondern Ihnen kurz schildern, was mir die politische Presse dieser Tage verriet: die Politdarsteller in Barcelona würden – entgegen aller Warnungen des Verfassungsgerichtes – schon in diesem Sommer ein „Referendum“ für Katalonien ausrufen, wohl wissend, dass es nicht dazu kommen werde. Dann werde man wieder in die altbekannte  Opferrolle verfallen und ein weiteres Mal vorgezogene Autonomiewahlen in diesem Gebiet veranstalten in der Hoffnung, diesmal besser abzuschneiden.

Auf das Verbot des Verfassungsgerichtes angesprochen, gab eine Dame der „Antisystempartei“ im Parlament zu Barcelona  zu Protokoll, man lebe eben in einer „legalidad paralela“, einer parallelen Legalität. Das klingt doch wesentlich besser als die unschöne Feststellung, man lebe  in der Illegalität. Ich jedenfalls werde mir dieses System zunutze machen und eine fette Lüge in Zukunft einfach „parallele Wahrheit“ nennen.
Angelika Eisenführ

 

“Ihre Artikel fehlen uns!”

 

Kürzlich hiess es Abschied zu nehmen von einem seit über dreissig Jahren in Ampuriabrava  ansässigen Deutschen. Ich hatte die Ehre, die Traueransprache halten zu dürfen, sodass die Aufmerksamkeit  der zahlreichen Bekannten und Freunde des Verstorbenen sich automatisch mir zuwandte. Im weiteren Verlauf des Mittagessens in dem Landgasthaus, in dem das Ehepaar so oft gespeist hatte, lockerte sich die Stimmung  auf und man verfiel in die freudige Erinnerung an vergangene Zeiten. Natürlich kam das Gespräch dabei auch auf meine langjährige Tätigkeit als Redakteurin bei den deutschsprachigen Blättern AMIGOS und ARENA. „Ihre Artikel fehlen uns“ hiess es da aus mehreren Kehlen. Und in der Tat vermisste man in letzter Zeit die journalistische Sorgfalt, die sie bei meinen Beiträgen  gewöhnt waren.
Zum Beispiel bei dem jüngsten Bericht über die willkürliche  Entfernung vieler Namen aus dem polizeilichen Melderegister der Gemeinde in Castelló. Da hiess es, diese Leute – vor allem waren es Ausländer – würden damit ihres Rechtes beraubt, bei den alle vier Jahre stattfindenden Gemeinderatswahlen mit abzustimmen.

Diese Auskunft ist schlicht falsch, was mich umso mehr erbittert, als ich viele Jahre lang in der hiesigen Presse genau diesen Aspekt beleuchtet hatte. Also nochmals:

Die polizeiliche Anmeldung ergibt noch kein Wahlrecht für die Europabürger.

Aber: das Rathaus muss von Gesetzes wegen die Daten aller hier ansässigen Bürger Europas an die Wahlbehörde in Gerona weiterleiten.  Diese vom Rathaus absolut unabhängige Behörde prüft alle Angaben und entscheidet, wer wahlberechtigt ist. Die zahlreichen Marokkaner beispielsweise sind es nicht, obwohl sie korrekt polizeilich gemeldet sein können: sie sind eben nicht aus dem Bereich des vereinten Europa, ebenso wenig wie die legal ansässigen Chinesen, Russen, Pakistani und Lateinamerikaner. Nur die Europabürger sind bei den Gemeinderatswahlen wahlberechtigt!

Der  entsprechende Artikel in einem der jüngsten Ausgaben von ARENA ist also sachlich falsch und wird nur dazu beitragen, dass die hier ansässigen Menschen noch verwirrter werden, was ihre Rechte und Pflichten hierzulande betrifft.
Angelika Eisenführ

 

Wieder hat es geknallt


Meine Autos müssen ein ganz schlechtes Karma haben. Jedenfalls wurden sie in den letzten 15 Jahren insgesamt 16 mal aufs Korn genommen. Dreimal  wickelten mir angetrunkene Fahrer nachts  meine geparkten  Fahrzeuge um den nächsten Baum: drei mal Totalschaden.
Jetzt wurde der vierte Totalschaden fällig, als mir eine junge Frau am Eingang von Figueras mit voller Wucht in den Kofferraum rauschte, weil sie auf der anderen Strassenseite ein Kind erblickt hatte, von dem sie meinte, es müsse doch in der Schule und nicht auf der Strasse sein.
Ergebnis: wiederum Totalschaden, weil der Ford Fusión schon eine Menge Jahre auf dem Buckel hat und einen entsprechend geringen aktuellen Marktwert repräsentiert.
Die gegnerische Versicherung erkannte den Schadensfall an, will aber  natürlich möglichst günstig aus der Sache herauskommen.   Und das bedeutet: Frau Eisenführ wird ohne Auto dastehen, denn für sooo wenig Euros bekommt man nicht einmal einen ältlichen Gebrauchtwagen. Ein guter Freund von mir spottete geistreich: „Es muss wohl an der Bezeichnung „Fusion“ liegen: die Leute wollen mit dir fusionieren“.
Aber Scherz beiseite: ich bin auf der Suche nach einem gebrauchten, aber voll fahrtüchtigen Wagen ( bitte kein Unfallauto anbieten). Sie erreichen mich unter Telefon 972 45 10 51, Handy 676 067 019 oder per mail: eisenfuehr@empuria.info. Vielen Dank!

 

Die Lächerlichkeit fürchten


Josep Tarradellas, der letzte gewählte Präsident Kataloniens vor Francos Machtergreifung im Juli 1939, brachte es einmal auf den Punkt: „In der Politik kann man vieles machen, nur nicht sich lächerlich“. Ach, würden doch die aktuellen Heisssporne mit ihrer absurden Idee von einem „neuen Staat in Europa“ für ihre vier katalanischen Provinzen diesen weisen Spruch beherzigen! Aber nein: obwohl Artur Mas, der Amtsvorgänger des heutigen  Präsidenten Carles Puigdemont, aufgrund seines illegalen Referendums am 9. November 2014 in Kürze  vor dem Obersten katalanischen (!) Gerichtshof stehen wird, lassen die derzeitgen Polit-Amateure in Barcelona nicht locker.  Die Brandstifter Puigdemont, Oriol Junqueras und Raül Romeva reisten am Dienstag nach Brüssel, um vor dem Europaparlament  für den Herbst dieses Jahres „ein legales Referendum“ in Katalonien anzukündigen – und das, obwohl die katalanischen Politiker bisher auf den eisernen Widerstand des spanischen Verfassungsgerichtes stiessen. Einfach deshalb, weil in dieser Verfassung, die übrigens im Jahr 1978 gerade von den Katalanen begeistert begrüsst wurde, weil damit ihre Regionalverwaltung „Generalitat“ wiederhergestellt wurde, regionale Abstimmungen nicht vorgesehen sind.
Man muss bedauernd feststellen, dass man in Barcelona schon lange die Broschüre der spanischen Verfassung nicht mehr in die Hand genommen hat, sonst würde man sich erinnern, dass darin an vorderster Stelle (wie übrigens so gut wie in allen demokratischen Verfassungen) geschrieben steht: „das nationale Territorium ist unverletzlich“. Punktum und basta.
In Brüssel traten die drei katalanischen Herren übrigens vor einen leeren Saal, was die Anwesenheit von  europäischen Parlamentsabgeordneten betraf. Obwohl die katalanischen Reisegesellen es unterlassen hatten, ihre Pläne auch in spanischer Sprache vorzubringen, war die meisten der wenigen Zuhörer Spanier.  Nicht ein einziger Würdenträger des Europaparlaments war bereit, sich das krause Zeug von einem unabhängigen Katalonien anzuhören, obwohl es in den drei Sprachen Katalanisch,  Französisch und Englisch vorgetragen wurde.
Angelika Eisenführ

 

Warum sind sie nicht im Knast?

 

„Alle Neune“ hat es erwischt: die gesamte Jordi-Pujol-Sippe beschäftigt eine Riege von Ermittlern der Spezialeinheit für Wirtschaftsverbrechen sowohl in Katalonien wie auch beim Nationalen Gerichtshof in Madrid. Seit mehreren Jahren versuchen die Gerichtsorgane hinter das sagenhafte Vermögen des früheren katalanischen Präsidenten Jordi Pujol und seiner Ehefrau Marta Ferrusola zu kommen, von ihren sieben Kindern zu schweigen, die ebenfalls alle sieben – fünf Söhne und zwei Töchter- kurz vor der offiziellen Anklage wegen Geldwäsche, Veruntreuung, illegaler Provisionen und Korruption stehen. Inzwischen soll es sich nicht „nur“ um Millionen Euro handeln, die der Erstgeborene, wie sein Vater ebenfalls Jordi Pujol geheissen, in aller Welt ergaunert und verschoben haben soll.

Für jeden denkenden Menschen unvorstellbar war bis heute, dass diese Sippschaft bisher völlig unbehelligt geblieben ist: jeder andere, wesentlich kleinere Gauner, wäre längst in U-Haft gelandet. Aber nicht so die Pujolclique. Jetzt hat die Madrider Zeitung ABC den Stier bei den Hörnern gepackt und bereits zwei Titelstories über diese Familie und ihre jahrzehntelangen Machenschaften herausgebracht. Allein in Argentinien sollen „die Pujols so reich und mächtig sein wie die Familie Perón“, so flüstert man sich dort zu.

Die engagierte Journalistin von El MUNDO, Isabel Sebastián fragte vor einigen Tagen in einem Kommentar: „Warum sind sie nicht hinter Gittern?“ Jeder andere Spanier, dem Wirtschaftsvergehen in Milliardenhöhe (man spricht nicht mehr nur von Millionen!) nachgewiesen worden sind oder zumindest in Kürze nachgewiesen werden, wäre längst eingebuchtet worden, hätte den Pass  bei Gericht hinterlegen müssen oder eine millionenschwere Kaution aufgebrummt bekommen.  Señora Sebastián beendete ihre Überlegungen mit einem Gedanken, der einen schaudern lassen kann: „Man muss sich fragen, über  welch explosive Geheimkenntnisse die Familie  Pujol verfügt, dass sich die spanische Regierung nicht dazu aufraffen kann, diese Delinquenten aus dem Verkehr zu ziehen.“

Angelika Eisenführ

 

Sprüche

Die Arbeit soll dein Pferd sein, nicht dein Reiter.
Persisches Sprichwort

Man muss Gefallen finden an dem, was man tut. Es hat keinen Sinn, nur das zu tun, was einem gefällt.
Winston Churchill

 

Katalanische Legenden

(im Kasten: „Die Legende“, so formulierte  der berühmte französische Spötter Jacques Cocteau, „ist eine Lüge, die im Laufe der Geschichte zu Wahrheit wird“. Das mag stimmen oder auch nicht. Sicher ist nur,  dass die Weltgeschichte voll ist von  Legenden, Aphorismen, Anekdoten und anderen auf die Spitze getriebenen Feststellungen, die den grossen Vorteil haben, eingängig zu sein und uns das komplizierte Weltbild zu vereinfachen.)

 Vier Streifen
Batallas que con sangre han sido ganadas,
con sangre han de ser marcadas.
(Schlachten, die mit Blut gewonnen wurden,
müssen mit Blut gezeichnet werden).

Im Mittelalter gab es ständig Krieg zwischen den Nachbarvölkern. In Spanien fielen vom Norden her die Barbaren, vom Süden her die Mauren ein. So kämpften die Normannen gegen die Franken und zwar mit solcher Wut, dass  der Frankenkönig Karl der Kahle die Katalanen zu Hilfe rufen musste. Der Graf von Barcelona, Wilfred der Behaarte,  machte sich sofort an der Spitze eines starken Heeres auf in die Schlacht, wo seine Mannen sich so tapfer schlugen, dass sie mit vereinten Kräften  die Normannen in die Flucht jagten. Ja, sogar gelang es ihnen, den Feind bis auf den letzten Mann zu vernichten. Allerdings wurde Graf Wilfred von Barcelona in dieser Schlacht so schwer verletzt, dass man ihn in das Zelt des Frankenkönigs tragen musste. Kaum war das Gefecht zugunsten der fränkisch-katalanischen Allianz ausgegangen, begab sich der Frankenkönig zu dem noblen Katalanen, der übrigens nicht nur sein Kampfgenosse, sondern darüber hinaus auch sein Neffe war. Karl versuchte den Verletzten  zu trösten und aufzuheitern, indem er lang und breit über  diese Schlacht sprach,  die die beiden so erfolgreich beendet hatten. Er dankte dem Kranken überschwenglich für seinen Beistand und versicherte ihn seiner Dankbarkeit und Treue. Graf Wilfred seinerseits fühlte seine Lebensgeister schwinden und formulierte seinen letzten Willen: Karl möge alles für Katalonien tun, was in seiner Macht stünde, bat er. Vor allem möge er Katalonien eine Fahne geben, denn zu seiner Lebzeit hatte Wilfredo  nach eigenem Bekennen keine Lorbeeren errungen, die er mit goldenen Lettern auf seinem noch völlig unberührten Schild hätte verzeichnen können.

Der Frankenkönig lauschte schmerzbewegt und mit Tränen in den Augen diesen  Worten.. Seine Stimme  bebte, als er sich an den Verletzten wandte:  sei nicht ungerecht mit dir selbst, mein geliebter Neffe, sagte er.
Es ist erst wenige Augenblicke her, dass du diese Lorbeeren in gutem, fairem Kampf errungen hast, von denen du meinst, du hättest sie nie gehabt. Ein tüchtiger Ritter wie du konnte nichts anderes  tun als höchsten Männermut beweisen. Das hast du mit Bravour getan. Dein sind Ehre,  Glorie,  Triumph und Lorbeer! Das Blut, das so heftig aus deiner Wunde quillt, ist Blut des tapferen Kriegers, eines noblen Herrn mit edler Denkungsart..
Bei  diesen Worten tauchte Karl der Kahle, König der Franken, vier Finger seiner rechten Hand in die stark blutende Wunde des Grafen von Barcelona und  zog sie über den Schild des noblen Katalanen. Von diesem  historischen Moment  datiert die katalanische Fahne: vier rote  vertikale Streifen auf goldenem Grund. In edlem Streit erfochten durch das Blut des ersten  Grafen Kataloniens.

Aus dem Spanischen von Angelika Eisenführ

 

 

Wer mit dem Bauch denkt


Immer schon hatte ich Vorbehalte gegen Menschen, die mir  erklärten, sie  fällten ihre Entscheidungen „aus dem Bauch“. Oje, dachte ich mir jedes Mal, was soll dabei herauskommen, wenn jemand statt mit dem Hirn mit dem Darm denkt! Dass dabei am Ende nur etwas ziemlich Unappetitliches herauskommen würde, schien klar und so erhielten wir die Bestätigung dafür vor wenigen Stunden: Amerika liess sich mehrheitlich auf einen vulgären Volksverführer ein, einen total ungebildeten, rassistischen Clown, der noch nie ein öffentliches Amt in USA bekleidet  und statt Manieren nur Moneten vorzuweisen hat.

Das Volk liess sich willig als Verschiebemasse auf dem grossen Meinungsbahnhof manövrieren: Stimmung statt Wissen, Emotionen statt Überlegung... aber trotzdem jederzeit eine Meinung!

Wer mich seit Jahren in der deutschsprachigen Presse an der Costa Brava liest, wird sich erinnern, dass ich immer wieder für eine  Eignungsprüfung für Politiker eingetreten bin. Warum werden die Ämter auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene nicht auf der Grundlage von   Bewerbungen vergeben, nachdem Fachleute diese Bewerbungen gründlich überprüft und anschliessend ihre Stimme nach bestem Wissen und Gewissen für diesen oder jenen Kandidaten abgegeben haben?

Würde ein normaler Angestellter in seiner Firma sexistische Sprüche, Zoten und Beleidigungen ganzer Menschengruppen  von sich geben, wäre er seinen Job ziemlich rasch los.  In den USA scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Man bringt es dabei sogar zum Präsidenten!
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Die ausdrückliche Nachricht der spanischen Presse, bei Donald Trump handele es sich um einen Amerikaner deutscher Abstammung, treibt einem die Schamröte ins Gesicht.
AE

 

 

 

Sprache spielerisch 2

 

STARK

Ein simples Wort, möchte man meinen, denn stark ist fuerte, sogar beim Bier: ein Starkbier ist una cervez fuerte. Glauben Sie aber nicht, dass Sie damit den vollen Reichtum von Stärke ausgeschöpft hätten!  Das Buch, das 400 Seiten stark ist,  ist un libro que tiene 400 páginas. Stark kann auch gleichbedeutend mit massiv sein, dann heisst es macizo oder compacto. Ein starker Mensch kann gross sein = grande oder auch  kräftig = vigoroso.  Eine starke Erkältung  ist un resfriado fuerte, aber wenn Sie wegen schlechter Augen eine starke Brille brauchen, dann kaufen Sie gafas de alta graduación. (Beachten Sie, ganz nebenbei, die sprachliche Übereinstimmung unseres deutschen gaffen mit las gafas als Sehhilfe!) Bei schweren Krankheiten brauchen Sie starke Mittel = medicamentos enérgicos oder sogar drásticos. Haben Sie die eingenommen, sind Sie bald wieder auf dem Damm oder stark: cobrando fuerzas oder fortalecerse.
Das Wort dickwerden mag man neudeutsch nicht so gerne, man umschreibt es gerne als stark werden = engordar.  Eine starke (im Sinne von dicker ) Frau ist corpulenta und ihr Mann corpulento.
Die Natur mit ihrer Flora und Fauna, die Erde mit ihrer unterschiedlichen Materie geben Anlass, das Allerweltswort stark zu differenzieren, zumindest sehen das unsere sprachlichen Nachbarn so. Sie unterscheiden stark im Sinne von fest mit  sólido oder resistente,  rauhes und grobes  Gewebe ist  espeso oder recio.

Stark kann auch eine Zähleinheit sein: eine  dreihundert Mann starke Kompanie= una compañia de tres cientos hombres. Und da wir gerade bei Männern sind: ein starker Mann, auch im politischen Sinne ist un hombre fuerte. Ist die Macht dagegen nur vorgespielt, indem man den starken Mann markiert , sagt der Spanier hacerce el hombre  (den Mann machen) oder darse aires de valiente (sich den Anschein von Mut geben). Um so einen Menschen zu ertragen, braucht man starke Nerven = nervios de acero (Nerven aus Stahl).
Bei den Menschen sind die Spanier doch kleine machos: ein starker Charakter wird bei ihnen automatisch als carácter varonil beschrieben, also als männlicher Charakter. Als ob es keine starken Frauen gäbe!

Ein starker Esser und ein starker Trinker sind un gran comedor und un gran bebedor.

Im Herbst kommt erst starker Regen = lluvia torrencial , später ein starker Frost:  una helada intensa.

Gehen wir in Spanien ins Theater, finden wir dort ein starkes Orchester vor= una orquesta nmerosa  und der stark besetzte Saal ist la sala repleta. Ein stark besuchtes Lokal ist muy frecuentado oder concurrido.

Wenn Sie, liebe Leser, alle diese Redewendungen lernen und beherrschen, dann sind Sie stark in Sprachen: fuerte en idiomas. Sie glauben mir nicht? Das ist ja ein starkes Stück = esto es demasiado (das ist zuviel!)


 

Nationalfeiertag im Dauerregen


Spanien feiert am 12. Oktober nicht mehr die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, sondern vor allem die Rückkehr zur Demokratie nach fast 40 Jahren Militärdiktatur unter General Franco.
Im zweiten Jahr der Übernahme der Amtsgeschäfte als Staatschef hatte der Nachfolger von König Juan Carlos, Felipe VI. für dieses Jahr einen weiteren Grund zum Feiern verkündet: an erster Stelle dieses Nationalfeiertages sollte Dank an das Militär stehen. Spanische Soldaten aller Waffengattungen sind ja inzwischen in Friedensmissionen überall in der Welt präsent: von Kosovo bis Mali in Afrika, im Irak und nicht zuletzt bei den vielfältigen Aktionen humanitärer Hilfe, militärischer Ausbildung in Drittweltstaaten und Bergung von Flüchtlingen aus dem Meer. Nationalfeiertag im Regen. Daher bezog sich ein wichtiger Teil des offiziellen Programms an der Plaza Neptún im Zentrum von Madrid auf eben diesen Dank an die Streitkräfte. Wie immer traten die Soldatenformationen in flottem Paradeschritt zu einem perfekten Bewegungsablauf an. Die rund 3000 Männer – darunter nur ganz wenige Frauen – in ihren historischen Kostümen konnten einem aufmerksamen Betrachter sehr viel über die spanische Geschichte vermitteln. Die gesamte Regierungsmannschaft war trotz des strömenden Regens erschienen, allerdings von den 17 Präsidenten der Autonomiegebiete wieder einmal nur 12: wie immer hatten Katalonien und das Baskenland die Einladung nach Madrid abgelehnt und auch der Chef von Podemos, Pablo Iglesias als Kommunistenfreund liess sich nicht blicken. Skandalöser war allerdings das Fernbleiben ausgerechnet der Bürgermeisterin von Madrid, Manuela Carmena. Nun ja, sie ist Altkommunistin und hatte in ihrer relativ kurzen Zeit im Amt schon mehrfach für gehobene Augenbrauen im Volk gesorgt. Verteidigungsminister Pedro Morenés nahm das  mit Fassung: „Niemand wird gezwungen, hierher zu kommen“, lautete seine lakonische Erwiderung auf die Frage einer Journalistin.
Es regnete in Kübeln von der ersten bis zur letzten Minute der einstündigen Militärparade. Trotzdem donnerte die Brigade „Aguila“ wie schon seit 1992 zur Weltausstellung in Sevilla über die Stadt und schrieb die spanischen Nationalfarben an den düsteren Himmel.
Don Felipe in der Galauniform des Oberkommandierenden des Heeres machte wie immer eine untadelige Figur, die Töchter Leonor und Sofia waren mit eigenen kleinen Regenschirmen angetreten und hielten tapfer durch. Und auch Doña Letizia, sehr elegant in einem enganliegenden schwarz-weissen Kleid mit passenden Pumps machte einen wahrhaft königlichen Eindruck.

Angelika Eisenführ