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Die Vía de la Plata und der Camino Sanabrés – Auf den Spuren der Mozaraber

 

Die an der Bucht von Roses bekannte und beliebte Sängerin Daniela 
( www.daniela-musica.com) hat uns  auch dieses Jahr wieder Eindrücke und Erfahrungen ihrer Pilgerwanderung mitgebracht, die wir Ihnen hier präsentieren wollen.
Am Ende ihres Berichts finden sie einen Link auf ihre Fotogalerie.

 

Meine 1000 km lange Pilgerreise führte mich letzten November von Sevilla über Mérida, Cáceres, Salamanca, Zamora und Ourense nach Santiago de Compostela.

Oder, um es anders auszudrücken, wanderte ich 34 Tage lang durch Andalusien, Extremadura, Kastilien und León und Galicien.

Die Vía de la Plata (fälschlicherweise oft als Silberstrasse übersetzt) erhielt ihren Namen nach dem arabischen Wort Bal'latta – breiter, gepflasterter Weg und stellt die natürliche Nord-Süd-Verbindung der iberischen Halbinsel dar, die in früheren Zeiten und sogar bis heute noch, der Transhumanz, also dem Weidewechsel des Viehs von der nordkastilischen Hochebene in die tiefer gelegene Extremadura diente und dient.

Unter den Römern erhielt die Vía militärische Bedeutung. Heute finden wir an ihrem Rande bedeutende Überreste dieser Zeit, insbesondere in Städten wie Hispalis (Sevilla), Itálica (Santiponce), Emerita Augusta (Mérida) und Helmantica (Salamanca); aber auch die vielen römischen Meilensteine laden zum Einatmen von lebendiger Geschichte ein.

Seit dem 10. Jahrhundert setzten auch die Pilgerreisen der im vom Islam beherrschten Gebieten der südlichen iberischen Halbinsel lebenden Christen, der sogenannten Mozaraber, ein. Sie bedienten sich unter anderem der Vía de la Plata um ihr Ziel zu erreichen.

Der zweite große Reiz dieser eher unbekannteren Pilgerroute ist die größtenteils unversehrte Natur, ein einmaliges Erlebnis für jeden Freund eines einfachen Pilgeralltags.

Neben den Schönheiten der Landschaften, zu denen die Sierra Norte Andalusiens ebenso gehört, wie die weiten Dehesas der Extremadura, die Kastilische Hochebene sowie das grüne Galicien, trifft man hier vor allen Dingen auf zahlreiche tierische Wegbegleiter. Herauszuheben sind die vielen Toros Bravos, weidende Kühe, das iberische Schwarzschwein, Ziegen- und Schafherden mit ihren manchmal etwas aufdringlichen Hütehunden, zahlreiche Vogelarten, darunter viele Geier, Rehe, Hasen, Dachse und so weiter. Bei den vielen Weidezäunen, die ein Pilger im Laufe des Tages durchquert, kann es da schon einmal passieren, dass man auf einmal nicht mehr weiß, ob man nun innerhalb oder außerhalb eines Weidegebietes ist. Man sollte also stets ein wachsames Auge darauf haben, ob nicht gerade eine frischgebackene Kuhmama mit ihrem Jungen in der Nähe ist.

Diese Pilgerreise ist auch nur für Menschen zu empfehlen, die die Einsamkeit als ständigen Begleiter nicht scheuen und eine gute Portion Improvisationstalent mitbringen. Nicht alle Wege sind ausreichend ausgeschildert und auch für die tägliche Grundversorgung ist der Pilger hier oft auf sich alleine gestellt. Dazu kommt, dass ein sich gestört gefühlter Nachbar schon einmal die Wegbeschilderung verändern kann, so dass die Pilgertagesroute ungewollt mit der Alternative der Überquerung eines elektrischen Weidezauns oder dem beherzten Sprung über einen etwas zu groß geratenen Bach enden kann. Auch führt der eigentlich trockene Stausee vielleicht noch mehr Schlamm, als es einem Lieb ist und der ein oder andere Weg ist wahrscheinlich die letzten 100 Jahre schon nicht mehr begangen worden und dementsprechend stark zugewachsen. Pilger auf der Vía de la Plata sollten über einen guten Orientierungssinn verfügen und den ein oder anderen Umweg auch nach einem langen Tag noch mit Humor nehmen.

Gerade das hat mich jedoch zu diesem Weg hingezogen und ich fühle mich reichlich belohnt durch einige unvergessliche Bekanntschaften und eine innere und äußere Ruhe, die mich wieder neue Kraft schöpfen ließ.

Gerne lade ich Euch ein, einen Blick in meine Bildergalerie zu werfen.

Eure Daniela

 

 

 

 

 

„2000 Kilometer auf dem Jakobsweg im Winter“
oder „Immer den gelben Pfeilen und der Muschel nach“

 

Die an der Bucht von Roses bekannte und beliebte Sängerin Daniela  ( www.daniela-musica.com) hat uns Eindrücke und Erfahrungen ihrer Pilgerwanderung mitgebracht, die wir Ihnen hier präsentieren wollen.
Am Ende ihres Berichts finden sie einen Link auf ihre Fotogalerie.

Warum pilgern ganz normale Mitmenschen auf der ganzen Welt? Warum „tun die sich das an“? Sind alle Pilger Supersportler, strenge Katholiken, die Busse tun wollen oder verwirrte Menschen auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens?

Antworten auf dieses „Warum?“ gibt es wahrscheinlich ebenso viele wie Pilger selbst, die sich aus allen Ländern der Erde auf den Weg nach Santiago de Compostela machen. Tatsache ist nur, dass alle wahren Pilger eins gemeinsam haben: sie laufen.
Natürlich bin ich auf meiner Reise auch vielen Fahrrad-Pilgern begegnet. Aber selbst die laufen (oder besser gesagt schieben) einen Teil ihres Weges.
Dann gibt es noch eine Reihe von Unterarten von Pilgern, wie Buspilger, Taxipilger, Gruppenpilger, Partypilger, Endlospilger, etc.
Der Jakobsweg ist für jeden offen und jeder soll seinen Weg gehen wie er möchte. Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt: „Corto de vista quien acaba el camino como turista“. Das heißt soviel wie „Kurzsichtig der, der diesen Pilgerweg als Tourist beendet“.

Ich möchte Euch heute ein paar Eindrücke in Bildern von meinem persönlichen Weg zeigen. In jedem guten Reiseführer kann man die Geschichte des Jakobsweges und die Einzelheiten über jedes meisterhafte Bauwerk auf dem Camino nachlesen.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich einem Grossteil der Bauwerke auf dem Camino keine größere Beachtung geschenkt habe. Lieber bin ich in die ein oder andere kleine Kirche am Wegesrand als in die grossen Kathedralen gegangen. Für mich war es wichtiger zu verstehen, was der eigentliche Weg mir zu offenbaren hatte.
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Jakobsweg selbst sehr schnell die Entscheidung trifft, entweder den Pilger, der sich auf ihn einlässt in seinen Bann zu ziehen und meist ein ganzes Leben lang nicht mehr los zu lassen oder aber ihn von seinen Pfaden zu verbannen.
Ich glaube, nur einem Pilger, der von Anfang an weiß, dass Pilgern auch Leiden mit sich bringt, kann sich dieser Weg in seiner ganzen Vielfalt eröffnen. Als Geschenk nimmt der Pilger am Ende ein völlig neues Bewusstsein mit nach Hause.
Der Weg hat auch mich an Grenzen stoßen lassen, die zu überwinden ich mir niemals hätte träumen lassen. Es ist bekannt und auch wahr, dass jeder Pilger zumindest einmal auf seinem Pilgerweg weint.

Es gibt tatsächlich Krankenhäuser, die Studien darüber führen, was für Gründe es gibt, dass Menschen auch mit Verletzungen, mit denen jeder normale Arbeitnehmer sich zwei Wochen krankschreiben lassen würde, weiterlaufen.
Ich habe Menschen kennen gelernt, die mit gebrochenen Zehen, ohne Fußsohlen, mit Nierenkoliken, Legionärskrankheit, ohne Geld und Nahrung, ohne ausreichende Kleidung oder barfuß gepilgert sind.
Ich selbst weiß „nur“, wie es ist, mit einer Magen-Darmgrippe nach 3 Tagen ohne Nahrungsaufnahme noch 46 Kilometer zu laufen, mit offenen, entzündeten Blasen an den Füssen und Zehennägeln, die sich verabschieden, ebenso wie mit Sehnenentzündungen in beiden Beinen und höllischen Knieschmerzen zu pilgern.
Ganz normale Pilgerleiden eben.

Dazu lernt jeder Pilger auch mit dem Thema Angst umzugehen. Angst, kein Quartier für die Nacht zu finden, Angst, nicht über den nächsten Berg zu kommen, wenn es nicht vorher irgendwo etwas Essbares oder Trinkbares am Wegesrand gibt (man wird sehr schnell zum Selbstversorger auf dem Weg, das heißt Kastaniensammler, Quellentrinker oder Tomatenklauer). Angst einfach nicht mehr laufen zu können und dann keine Vodafoneabdeckung zu haben. Angst vor dem anziehenden Gewitter, Angst vor einer Horde wilder Hunde, Angst sich zu verlaufen, Angst, den Bären zu treffen, der die frischen Krallen im Neuschnee hinterlassen hat, Angst, dass es gleich dunkel wird, etc.
Schnell lernt man aber gerade aus dieser Angst Hoffnung und letztendlich Vertrauen zu schöpfen.
Nicht alle Pilger glauben an denselben oder überhaupt irgendeinen Gott, aber jeder Pilger spürt auf seinem Weg irgendwann, dass eine unsichtbare Hand ihn immer wieder zwar auf die Probe stellt, aber am Ende auf den richtigen Weg leitet.
Auch Pilger untereinander helfen sich wie selbstverständlich. Ebenso viele geduldige Nachbarn am Rande des Jakobsweges. Viele Menschen glauben, der Jakobsweg gäbe einem Menschen Zeit, nachzudenken. Ich denke, man ist erst richtig auf dem Jakobsweg, wenn man aufhört nachzudenken und statt auf dem Weg zu laufen, den Weg einem entgegenkommen lässt. Mit dem Weg eins werden. Frieden und Harmonie finden. Ein bisschen toleranter und netter gegenüber Anderen und sich selbst werden.
In der endlosen Weite der Natur wieder Bescheidenheit lernen. Sich wieder über Kleinigkeiten freuen. Wieder staunen lernen. Wie auch im richtigen Leben ist hier der Weg das Ziel.

Mein Weg ging von Lourdes in Frankreich über die Pyrenäen, dann über den aragonischen Weg, letztendlich auf dem französischen Weg nach Santiago de Compostela. Erstmalig im November/Dezember 2009 und zuletzt im November/Dezember 2010. 1000 km in 31 bzw. 29 Tagen.
Ich bin gelaufen, durch Schnee, Regen; Wind und Matsche, über Steine, Steine und noch mehr Steine, jeden Meter, nur mit einem Rucksack bewaffnet, in dem eine Ersatzunterhose, ein Schlafsack, eine Isomatte, ein Taschenmesser, ein Haufen Pflaster und ein Nagelscherchen neben ein paar persönlichen Sachen Platz fanden.
Je länger man auf dem Jakobsweg pilgert, desto weniger braucht man tatsächlich. Ich habe 4 Regencapes abgenutzt. Geschlafen habe ich in Herbergen, und solchen, die vorgeben, eine Herberge zu sein, in Garagen, bei Priestern und auch bei echten Banditen.

Viel Spaß beim durchklicken. Vielleicht kriegt der ein oder Andere ja Lust, sich auch mal auf den Weg zu machen.

Eure Daniela

Wenn Ihr Fragen habt - E-mail :  info(at)daniela-musica.com

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Ein Tod an der Grenze. 
Der Schriftsteller Walter Benjamin in Portbou

Portbou kennen wir als Grenzort zwischen Spanien und Frankreich. Heute macht der Ort einen verlassenen Eindruck. Der düstere Eindruck wird durch die schroffen Berghänge der Alberes-Kette verstärkt, die den Ort umgeben, obwohl sich auch malerische Ausblicke auf das Meer hin öffnen. Die Grenze ist heute wenig frequentiert und wir passieren die geschlos-sene Grenzstation ohne Kontrolle. Grenzübergänge sind in Europa für den EU-Bürger einfach geworden. Die hohen Häuser des Ortes, Kasernen und der riesige Bahnhof mit seiner Eisen-Glasüberdachung und den verzweigten Gleisanlagen künden von Zeiten, in denen der Ort mehr  Bedeutung als Grenzübergang hatte. Portbou ist heute noch internationale Bahnstation, in der die Züge von der europäischen Normalspur auf die iberische umgestellt werden. Aber mit der Inbetriebnahme der anderweitig verlaufenden Hoch-Geschwindigkeitsstrecke wird die Bedeutung  Portbous weiter abnehmen.

Am Ende des spanischen Bürgerkrieges spielten sich hier Tragödien ab.
1939 fluteten lange Schlangen von Lastwagen mit republikanischen Soldaten und Scharen von Zivilisten über die Grenze. Sie waren auf der Flucht vor der siegreichen Franco-Armee. In Frankreich fanden die Flüchtlinge keine gute Aufnahme. Als unerwünschte Ausländer wurden sie
in Konzentrationslager unter elenden Bedingungen zusammengepfercht.
Ein Netz von solchen Lagern überzog den Süden Frankreichs. Von dem mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regime wurde ein Teil der Flüchtlinge in deutsche Konzentrationslager weitergereicht,  ein anderer Teil ins Franco- Spanien ausgeliefert. In beiden Fällen stand meist am Ende der Tod.
(Wer sich für für diese Vorgänge interessiert, sollte das hervorragend gestaltete „Museu Memorial del Exilio“ in Jonquera besuchen!)

Nach heftigen Bombardierungen wurde Portbou von den Franco-Truppen genommen und Franco- Anhänger besetzten die Schlüsselstellungen der Gemeinde. Eine Atmosphäre von Unterdrückung, Misstrauen und Verrat
bestimmte die Atmosphäre. Auch die Gestapo unterhielt ein Büro im Ort.

Portbou war Grenzort  für Fluchtbewegungen in die umgekehrte Richtung geworden. Nach Beginn des Zweiten Weltkriege hatten die Deutschen einen großen Teil Europas besetzt.  Juden und Antifaschisten versuchten sich in Frankreich und dann über Spanien in Sicherheit zu bringen. Ihre Fluchtwege führten über die Pyrenäen.

Einer der heute bekanntesten dieser Flüchtlinge  war  Walter Benedix Schoenflies Benjamin; durch seine geistige Bedeutung als Schriftsteller
und seinen tragischen Tod in Port Bou hat er Berühmtheit erlangt. Heute beschäftigt man sich in aller Welt mit seinem Werk und Leben. Sein Andenken wird in Portbou gepflegt und ist somit auch ein Stück deutsch- katalanischer Beziehungen.

Walter Benjamin wurde 1892 als Kind eines wohlhabenden großbürgerlichen jüdischen Ehepaars in Berlin geboren. Die Eltern gehörten dem assimilierten Judentum an. Eindrücke seiner Kindheit beschreibt Benjamin in seinem Werk Berliner Kindheit um Neunzehnhundert (ab 1931/32).

Benjamin ist tief in der deutschen und europäischen Geisteswelt verankert. Er studiert Philosophie und Germanistik und promoviert mit einer Arbeit  Der  Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (1919). Literatur und Kunst sind für ihn das Medium, in dem sich gesellschaftliche Entwicklungen und die Zeit ausdrücken. Artikel,  Aufsätze und Abhandlungen über Literatur und Kunst nehmen einen großen Raum in seinem Werk ein. Berühmt und wegweisend ist seine Abhandlung  Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936). Er übersetzt auch französische Autoren (Proust, Baudelaire).

Benjamin war kein orthodoxer Jude, aber er verleugnet sein jüdisches Erbe nicht. Zeitweilig stand er dem Zionismus nahe, also der jüdischen Bewegung, die in Palästina eine staatliche Heimstatt für das verfolgte Judentum suchte. Am Ende seines Lebens spielt für ihn der jüdische Messianismus eine Rolle, die Hoffnung auf das Ende und die Vollendung
der Geschichte durch den Messias (Thesen Über den Begriff der Geschichte 1939/40).   

Früh zeigt sich die schriftstellerische Begabung Benjamins. Bereits als Schüler und Student wird er publizistisch tätig. Er ist ein
Literat par excellence, ein Mensch, dessen Lebenssinn Denken, kritische Wahnehmung und Schreiben, aber auch das Gespräch, ist. Nach dem gescheiterten Versuch, die akademische Laufbahn einzuschlagen (1925), bleibt er freier Schriftsteller mit sehr ungesicherten und beschränkten Einkünften.

Er lernte eine Vielzahl von Philosophen, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Künstlern seiner Zeit kennen, stand mit ihnen im Austausch und Briefwechsel. Befreundet war er u.a. mit dem jüdischen Religions- wissenschaftler Gerhard (Gershom) Sholem, dem Philosophen Ernst Bloch, den Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund  Adorno, dem Dichter Bert Brecht, der Politikphilosophin Hannah Arendt (sie setzte ihm in ihrem Buch „ Menschen in finsteren Zeiten“ ein literarisches Denkmal).

Die Aufzählung dieser Namen zeigt, dass Benjamin dem linken Spektrum
der Intellektuellen der zwanziger/dreißiger Jahre des 20. Jh. angehört.
Schon als Student zeigt sich das politisch-soziale Interesse Benjamins
in seinem hochschulpolitischem Engagement, das er im Geist der damaligen Jugendbewegung ausübte. Enttäuscht zog er sich aber davon zurück, als der erste Weltkrieg ausbrach und seine Lehrer und Mitstudenten dem Kriegstaumel erlagen.

In den zwanziger Jahren beschäftigt er sich mit dem Marxismus, dessen
dialektische und historisch-materialistische Methode er fortan in freier Weise handhabt. Zeitweilig steht er dem russischen Kommunismus nahe.
Doch der Hitler-Stalinpakt (1939) desillusioniert ihn. Abgesehen davon teilt er den Fortschrittsglauben des Marxismus nicht. Der „Traum von einer besseren, humanen Welt“ verbindet ihn mit seinen marxistischen Freunden, aber für ihn blickt der Engel der Geschichte auf eine einzige Katastrophe und unablässig wachsende Trümmerhaufen zurück. ( Über den Begriff der Geschichte,  IX. These – Die Figur des Angelus Novus, des neuen Engels der Geschichte geht auf ein Bild Paul Klees zurück, das  Benjamins besaß. Benjamin fand sich selbst in dieser Symbolfigur wieder.) Es versteht sich bei seiner Person und Haltung von selbst, dass er den Nationalsozialismus früh durchschaut und vorhersieht, dass er Barbarei und Krieg heraufführt, ebenso wie er weiß, was er als Jude und linker Intellektueller von ihm zu erwarten hat. Doch trotz Parteinahmen und vielfältigen Beziehungen lässt sich Benjamin keiner politisch-sozialen oder geistigen Gruppierung zuordnen. Er lebt und denkt sozusagen „auf der Grenze“ zwischen den Fronten seiner Zeit. Andererseits ist er eine grenzüberschreitende Persönlichkeit, europäisch, multikulturell, interdisziplinär orientiert. Letztlich bleibt er auf diese Weise ein Einsamer.

Dies gilt auch für seine Beziehung zu Frauen.  1917 heiratet er die jüdische Journalistin Dora Sophie Kellner, mit der er einen Sohn hat. 1930
wird die Ehe geschieden, nicht zuletzt wegen seiner Beziehung zu der
lettisch-russischen Regisseurin und Kommunistin Asja Lacis. Aber auch diese Verbindung scheitert.

Auch literarisch lässt sich Benjamin nicht festlegen.  Er verwendet eine Vielzahl von Formen, vom Zeitungsartikel über den Aufsatz (Essay), die Abhandlung, die Erzählung, den Aphorismus, die Sammlung (Anthologie) bis hin zum Hörspiel und Kriminalstück. Oft vermischt er sie in einem Werk (Montagetechnik).  Seine Themen sind vielfältig. Benjamin schreibt von Anlaß zu Anlaß, entsprechend seinem persönlichen Werdegang, den Herausforderungen der Zeitentwicklungen und den Anforderungen seiner Auftraggeber. Im Mittelpunkt seines Interesses stehen die jeweilige Lebenswelt, die Erscheinungen des Alltags. Durch kritische  und einfühlende Betrachtung will er die gesellschaftlich-historischen und kollektiv-psychischen Triebkräfte und Motive unter der Oberfläche der Phänomene sichtbar machen und auch dem Leser die Augen dafür zu öffnen. Seine Darstellung hat oft splitterhaften, provokanten und subjektiven Charakter. Benjamin hat kein „System“. Das ist seine Art des Philosophierens. Bei diesen vielen Aspekten seines Werkes verwundert es nicht, dass die Literatur über Benjamin oft zu sehr unterschiedlichen Aussagen kommt und er ein umstrittener Autor ist.

Ein Beispiel seiner Arbeitsweise ist sein wohl bedeutendstes Werk – er sah es selbst so -, das Passagen-Werk (ab 1934). Es liegt nur in vielen Bruchstücken vor und wurde zu Lebzeiten Benjamins nicht veröffentlicht. Benjamin geht von den Pariser „Passagen“ aus, jenen überdachten Einkaufsgängen, die Anfang des  19. Jahrhunderts errichtet wurden. (Benjamin hatte eine persönliche Beziehung zu diesen Orten des Durchgangs, des Flanierens, die ihm dem Heimatlosen, dem Vielreisenden entsprachen.) Ausgehend von diesen „allegorischen“ Orten, die für ihn den Beginn der modernen Warenwirtschaft und ein neues Lebensgefühl bezeichnen, entwirft er  montageartig und mit unterschiedlichsten Elementen – dies erinnert  an den Surrealismus - ein Panorama des 19. Jahrhunderts. Er stellt dabei Schilderungen und Reflexionen über  Wirtschaftsgeschichte, Architektur, Kunst, Dichtung und Erscheinungen des Alltags (Reklame, Mode, Fotographie, Inneneinrichtung u.a.) zusammen. Es geht ihm um eine „Urgeschichte der Moderne“ und somit auch um Grundkräfte, die die Gegenwart bestimmen. Schlüsselbegriff ist der „Fetisch Ware“, dessen „Inthronisierung“ die Erscheinungen des modernen Lebens samt ihren „Phantasmagorien“(Illusionen - Kollektiv-träume, Mythen,  Scheinwelten, z.B. in der Unterhaltungsindustrie) hervorruft . Benjamin möchte die „Unwirklichkeit“ dieser „Wirklichkeiten“
enthüllen.

1933 geht Benjamin ins Exil, zuerst nach Ibiza, dann nach Paris, unterbrochen von anderweitigen Aufenthalten. 1939 wird er ausgebürgert.  Er durchleidet die Unsicherheiten des Flüchtlingsdaseins, lebt in materieller Not, auch wenn Freunde ihn immer wieder unterstützen. Das „Institut für Sozialforschung“ unter Horkheimer (Frankfurt, dann Genf, New York) gewährt ihm für seine Mitarbeit an der „Zeitschrift für Sozialforschung“ regelmäßige Zuwendungen. Nach dem Krieg wird dann auch die Wiederentdeckung Benjamins stark von der „Frankfurter (soziologischen) Schule“ um Horkheimer und Adorno ausgehen, die ihn freilich in ihrem Sinne vereinnahmen.

Nach langem Zögern und zeitweiliger Internierung durch die Franzosen
entschließt sich Benjamin in die USA zu emigrieren. 1940 erhält er durch die Vermittlung Horkheimers  in Marseille ein Einreisevisum. Inzwischen hatte die französische Regierung einen Waffenstillstand mit Deutschland abgeschlossen und sich verpflichtet, Emigranten nach Deutschland auszuweisen und ihnen keine Ausreisevisen mehr zu erteilen. Angesichts der unmittelbaren Bedrohung versucht Benjamin nach Spanien zu fliehen, um von dort nach Lissabon zu gelangen, wo er nach den USA übersetzen will.

Mit einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen überquert er mit Hilfe der deutsch-jüdischen Widerstandskämpferin und Fluchthelferin Lisa Fittko am 25.9.1940 von Banyuls-sur-Mer  aus die Alberes-Berge (über den Coll de Querroig), Richtung Port Bou. Die beschwerliche Überquerung ist für den herzkranken und gealterten Benjamin, der ein Aktentasche  mit einem Manuskript mit sich schleppt, die er auf keinen Fall aufgeben will, eine Strapaze. In Port Bou angekommen, erfährt die Gruppe bei der Grenzpolizei, dass die spanische Regierung über Nacht die Transitvisa für ungültig erklärt habe. Unter Polizeibewachung werden die Flüchtlinge in eine Fonda (Hostal de Francia) geführt, wo sie übernachten können. Ihnen droht die Abschiebung am nächsten Tag. Nach Aussagen der Begleiter veranlasst dies Walter Benjamin, in der Nacht (26. oder  27.9.) eine Überdosis Morphium zu nehmen. Dies entspricht auch einem an Adorno gerichteten  und mündlich überbrachten Abschiedbrief (in Französisch): „ In dieser auswegslosen Situation habe ich keine andere Wahl, als sie zu beenden. Mein Leben wird ein Ende finden in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, wo mich niemand kennt…“ Es gibt aber eine Reihe von sonderbaren Umständen, die es manchen fraglich erscheinen lässt, dass Benjamin freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Der Arzt, der ihn vorher mehrfach behandelt, bescheinigt eine natürliche Todesursache (Gehirnblutung).

Benjamin wird unter verkehrtem  Namen auf dem katholischen Teil des Friedhofs beigesetzt. (Nach Ablauf der Mietzeit wurden seine Überreste 1945 in ein unbekanntes Sammelgrab auf den Friedhof der Gemeinde verbracht.)  Der Tod Benjamins bewirkt, dass die Gruppe weiterreisen kann. Nach ihnen ist weiteren dieser Fluchweg geglückt, so Hannah Arendt, die auf der Durchreise – sie findet dann in Amerika eine neue Heimat – das Grab Walter Benjamins besucht.

Bert Brecht verfasst, als ihn die Nachricht vom Tode seines Freundes erreicht, ein Gedicht :

Zum Freitod des Flüchtlings W.B.

Ich höre, dass du die Hand gegen dich erhoben hast.
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten…

Benjamin mag in praktischen Lebensdingen nicht immer „geschickt“
gewesen sein – seine Mutter sagte ihm, wenn er etwas zerbrochen hatte:
„Ungeschickt lässt grüßen“ ( Berliner Kindheit…Das bucklichte Männlein).
Tatsächlich überschatten Missgeschicke das Leben Benjamins. Aber das lag nicht nur an ihm, sondern an den schwierigen und „finsteren
Zeiten“, in denen er lebte. Menschen wie er hatten durch die geschichtlichen Umstände das „Nachsehen“ und wurden vor „Katastrophen“ gestellt. Sie hatten  wenig Chancen, zur Entfaltung und zu einem ganzen Leben zu kommen. Benjamin hat diese Zeiten als ein „Gerechter“ (Paul Mayer), schreibend und denkend, exemplarisch durchlebt und dokumentiert. Nach ihm hat Geschichtsschreibung die Aufgabe, den katastrophalen Verlauf der Geschichte wahrzunehmen, nicht im „Triumphzug“ der Sieger mitzumarschieren, sondern der „namenlosen“ Unterdrückten zu gedenken. Nur so kann „ der Funke der Hoffnung“ angefacht werden, der in der Geschichte schlummert. (Über den Begriff der Geschichte)

Benjamin wurde Denker, Chronist und Opfer der europäischen Katastrophe des Faschismus.   Auch wenn sein Werk ein Torso ist, so sind in diesem „Scherbenhaufen“ ( Das bucklichte Männlein) kostbare Funde mit hellsichtigen  Einsichten zu machen. Sein Leben und Werk verdient Erinnerung und Beachtung.

In Portbou ist es möglich, sich über ihn zu informieren und seiner zu gedenken. Im Ort gibt es einen Spaziergang, der zu den Stätten seiner
letzten Stunden und zu seinem Bestattungsort führt. Schrifttafeln (leider nicht in Deutsch) leiten den Besucher, über ein kleines provisorisches Museum  (Casa Herrero/Centre Civic) mit Bildern und Dokumenten, zum Friedhof. Davor – inmitten einer spektakulären Naturkulisse -  ist der eindrucksvolle und begehbare  Mahnmalkomplex  Passagen des israelischen Künstlers Dani Karavan zu finden.  Er wurde 1994 mit deutscher Finanzhilfe – sie kam nur mühsam zustande - und Beteiligung eingeweiht. Es vergegenwärtigt das Schicksal Benjamins- vor allem seinen Fluchtweg- und  das vieler „Namenloser“. Jeden 26. September wandern Benjamin-Freunde den Fluchtweg von Banyuls nach Port Bou nach.

Informationen, Prospekt und Hilfen erhält man im örtlichen Tourismus-Büro.
 
(Literatur: Walter Benjamin, Illuminationen, Ausgewählte Schriften 1,  suhrkamp taschenbuch 345 ; Momme Brodersen, Walter Benjamin, Suhrkamp BasisBiographie 4; Internet: www.portbou.cat – Walter Benjamin (Ajuntament de Portbou); www.walter-benjamin.org (Internationale W.B. Gesellschaft);
www.exil-archiv.de /biographien/benjamin)

Wolfram Janzen

 

 

Canonica de Santa Maria de Vilabertran - Ort der Geschichte/Juwel der Romanik/ Oase der Ruhe

Die jährliche Schubertiade führt viele Besucher nach Vilabertran. Zu dem Hörgenuß kommt das visuelle Erleben der Klosteranlage. Für mich ist Vilabertran die schönste Klosteranlage im Empordan. Einmal weil sie sehr gut erhalten und restauriert ist, zum andern weil  sie einen Höhepunkt der hiesigen Romanik darstellt.

Der Eindruck, den der Besucher von der Kirche und dem Kreuzgang hat,

ist der einer wohlproportionierten Schlichtheit, Einheitlichkeit und Harmonie. Dies fällt besonders auf, wenn man die Anlage mit anderen Klöstern der Gegend wie Sant Pere de Rodas oder Sant Quirze de Colera vergleicht. Vilabertran ist rund hundert Jahre jünger und stellt eine Weiterentwicklung der Romanik dar. Schon allein die kunstvolle Bearbeitung und Fügung der Steine zeigt dies an.

Um den Geist der Architektur von Vilabertran zu verstehen, muß man in

die Zeit und Umstände der Enstehung zurückgehen. Der Schlüssel zum Verstehen ist, dass es sich um ein Reformkloster handelt.

Der Bau der Kirche  wurde um 1075 begonnen, 1100 wurde sie geweiht.

Wie war es zur Enstehung des Klosters gekommen?

Vilabertran liegt am Kreuzungspunkt verschiedener wichtiger Durchgangswege. Bereits um 970 wird eine Ansiedlung mit einer kleinen Gemeindekirche Santa Maria erwähnt. Sie ist Eigenkirche

umliegender Adelsfamilien, d.h. diese hatten das Patronat inne und bestimmten die Pfarrstellenbesetzung.

In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts ist an der Kirche ein Geistlicher namens Pere Rigau oder Rigall tätig, Sohn einer Landbesitzerfamilie in Rabos. Im Gegensatz zu anderen Klerikern der Zeit ist er von einem asketischen Frömmigkeitsideal erfüllt. Er lebt mönchisch, unverheiratet, arm, apostolisch, ganz seiner Seelsorge-, Gottesdienst- und Predigttätigkeit hingegeben. Das beeindruckt seine Umwelt, der Ruf seines heilig-mäßigen Lebens verbreitet sich. Menschen suchen seine geistliche Beratung und Begleitung. Er sammelt andere Geistliche um sich, die sich seinem Lebensstil anschließen. Eine kleine Gemeinschaft von Klerikern bildet sich, die in einem einfachen Haus neben der Kirche lebt.

Pere Rigau ist von den kirchlichen Reformideen seiner Zeit erfasst. In den Gründungszeiten der Benediktinerklöster wie Sant Pere de Rodas oder Sant Quirze, zur Zeit der Karolinger und später der Ottonen,

waren die Klöster Ursprungsorte der Christianisierung und Kultivierung des Landes. Sie wurden von den Herrschern unterstützt, weil sie zur Ausbreitung und Konsolidierung der Feudalherrschaft beitrugen.

Obwohl die Benediktineräbte um Selbständigkeit kämpften, griffen die

Herrscher immer wieder in die Geschicke der Klöster ein, in dem sie z.B. Einfluß auf die Ernennung der Äbte nahmen oder sich Besitz der Klöster aneigneten. Für die karolingischen oder ottonischen Könige war es selbstverständlich, dass sie in Bischofs- oder auch Papstwahlen eingriffen. Die Bischöfe waren ja auch weltliche Fürsten und mußten als

solche belehnt werden und dem König Gefolgschaft leisten. Außerdem war es üblich geworden, dass weltliche und geistliche Oberherren für die Vergabe von geistlichen Ämtern "Gebühren" erhoben. Man konnte also geistliche Ämter "kaufen". Dies nannte man nach Apostelgeschichte 8, 18-24 "Simonie".

Im 11. Jahrhundert hatten sich Christentum und Kirche konsolidiert (dies gilt auch für die nichtmuslimischen Gebiete Spaniens). Die Kirche war mächtig geworden und eng mit den Herrschaftsstrukturen "verfilzt". Damit ging aber auch ein Verfall der alten christlichen Ideale einher. So erscholl der Ruf nach "Reformen".

Schon im 10. Jahrhundert war eine Reformbewegung von dem burgundischen Benediktinerkloster Cluni ausgegangen. Dies bezog sich aber mehr auf die Reform der Klöster und des Klosterlebens. Man forderte die Unabhängigkeit der Klöster und die strenge Beachtung der

Benediktinerregel. Im 11. Jahrhundert weiteten sich die Forderungen auf das gesamte kirchliche Leben aus. Man wollte die altkirchlichen Gesetze erneuern, die ungeistliche Einwirkung von Laien auf die Kirche beseitigen und eine straffe Zucht im Klerus wiederherstellen. So sollten Kleriker unverheiratet sein.

Man nennt diese kirchenpolitische Bewegung die "gregorianische Reform", nach Papst Gregor VII. (1073-1083). Im Zuge der Reform bildeten sich neue, strenge Mönchsorden wie die Zisterzienser (1098). Auch die Kreuzzugsbewegung gehört in den Umkreis dieses kirchenpolitischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Aufbruchs - für uns heute schwer verständlich. (1096 erster Kreuzug nach Jerusalem.)

Diese Reformbewegung ergriff auch Laien, die um ihr Seelenheil besorgt waren. 1068 gab es ein Konzil in Girona, auf dem ein Kardinal die Vorstellungen der Kurie den hiesigen Bischöfen und damit auch dem Klerus und den Gläubigen übermittelte.

Und so sind wir wieder bei Pere Rigau. 1069 verzichteten die Adelsfamilien, die das Patronat über Santa Maria de Vilabertran inne hatten, auf ihre Rechte über die Kirche und gaben sie in die Hände von Pere Rigau und seiner Gemeinschaft. Darüber hinaus bedachte sie und andere Adlige die Gemeinschaft mit reichen Geschenken an Landgütern. So wurde es möglich, den Bau einer klösterlichen Anlage und das Leben einer verfassten Gemeinschaft zu beginnen. Genau gesagt handelte es sich bei Vilabertran nicht um ein Kloster, sondern um eine "Canonica", eine nach Regeln (griech. Kanon)

lebende ("regulierte") Gemeinschaft von Klerikern, also Priestern. (Mönche müssen nicht  Priester sein!) "Kanoniker" sind keine Mönche. Auch wenn sie in klosterähnlicher Gemeinschaft leben, sind sie nicht der "Klausur" unterworfen und können ihrer priesterlichen Arbeit außerhalb der Mauern nachgehen. Die Klosteranlage ist Mittelpunkt ihres geistlichen und gemeinschaftlichen Lebens.

Die Anlage in Vilabertran ist nach den Grundsätzen der Benediktinerklöster angelegt. Die Kirche im Norden, der Kapitelsaal (Versammlungssaal) im Osten, das Refektorium (Speisesaal)  mit Küche im Süden, im Westen Wirtschaftsräume (später Kapelle Sant Ferriol). Der Kreuzgang bildet die Mitte. Im 15. Jahrhundert kam der prächtige und befestigte Abtspalast im Osten dazu, der durch einen Hof von der eigentlichen Klosteranlage getrennt ist.

Mit der Weihe der Kirche 1100 durch den Bischof von Girona erhält die Gemeinschaft einen offiziellen Status. Pere Rigau wird formell Abt und die Gemeinschaft wird unter die Regel Augustins gestellt. Diese Regel geht auf ein Schreiben des Kirchenvaters Augustins (354-430)  zurück. Augustin lebte als Bischof in Hippo regius (Nordafrika) zusammen mit seinen Geistlichen nach Art der Mönche. Im Zuge der gregorianischen Reform wird dieses "kanonische Leben" - vor allem an den Bischofskirchen- wieder aufgenommen.

Die Augustinregel ist einfacher als die Regel Benedikts, die das Mönchsleben bis in kleinste regelt. Die Augustinregel stellt die Eintracht

in der Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Sie wendet sich gegen persönlichen Besitz und fordert ein einfaches und beispielhaftes christliches Leben. Mittelpunkt des geistlichen Lebens sind das gemeinsame "Verlangen nach geistlicher Schönheit" und die gemeinschaftlichen Gebetszeiten. Der Gebetsraum - also die Kirche und insbesondere der Chor- "darf zu nichts anderem gebraucht werden als wozu er bestimmt ist". Das bedeutet - wie bei den Zisterziensern- kein

Prunk, kein Schmuck soll von der Konzentration auf das Gebet abhalten. "Wenn ihr in Psalmen und Liedern zu Gott betet, dann sollen die Worte, die ihr aussprecht, auch in eurem Herzen lebendig sein."

Dazu gehört auch eine gute Akustik im Kirchenraum, die in Vilabertran hervorragend ist.

In diesem Sinne, in diesem Geist sind der ursprüngliche Kirchenraum und der Kreuzgang in Vilabertran gestaltet. (Nur an zwei versteckten Stellen - am Kircheneingang und am Fuß eines Pfeilers im Kreuzgang- befindet sich Figurenschmuck. Die Säulenkapitelle sind mit einfachen Pflanzenornamenten versehen.)

Man kann diesen Geist der Konzentration auf das Einfache, das Wesentliche, nachempfinden, wenn man meditierend - und wenn man den Mut hat, singend - den Kirchenraum zum Chor hin und den Kreuzgang durchschreitet ( was meist gut möglich ist, da man als Besucher oft allein ist).

Zu Lebzeiten des Abtes Pere Rigau - er stirbt wohl 1114 - und unter seinen Nachfolgern im 12. Jahrhundert blüht die "Canonica" auf. Vom Leben der Gemeinschaft geht geistlicher Einfluß auf die Umgebung  und in die Diözöse Gerona aus. Aus Vilabertran kommen eine Reihe von Bischöfen. Viele Adlige der Umgebung lassen ihre Testamente dort anfertigen und übergeben sie der Obhut des Abtes, nicht wenige, wenn sie sich auf die Kreuzfahrt ins Heilige Land begeben. Damit ist natürlich immer eine Stiftung für die Gemeinschaft verbunden.

Die Canonica wird zur beliebten Grablege von Vornehmen. Man erhofft sich von der Fürbitte der frommen Kleriker Erleichterungen für das nachtodliche Schicksal. Im 14. Jahrhundert stiftet die Familie der Vizegrafen Rocaberti - die Herren des benachbarten Perelada- eine im gotischen Stil errichtete Seitenkapelle, als ihre Grablege.

Ein bemerkenswertes "Grabmal" befindet sich am Eingang dieser Kapelle. Auf einer einfachen, in einen Pfeiler eingelassenen Steintafel ist zu lesen:

lldefonsus eram magnatum magna potestas; non sum qui fueram, iacet hic pars maxima nostri - "Ich war Alfons, ein Mächtiger unter den Mächtigen; nun bin ich nicht mehr, der ich einst war, es liegt hier der wichtigste Teil von uns."

Es handelt sich um Alfonso, als Graf von Barcelona der I., als König von Aragon der II. (* 1154, Regierungszeit:1162- +1196). Er war der erste, der beide Titel führte. Alfonso I. trug die Beinamen "Der Keusche" ( wegen seiner Frömmigkeit) und "Der Troubadour" (wegen seiner Förderung der Troubadourkunst). Verheiratet war er mit Sancha von Kastilien, mit der er 9 Kinder hatte. Er tat sich bei der Reconquista hervor und war ein geschickter Diplomat, der sich im komplizierten Machtgefüge der damaligen Welt gut zu behaupten wußte und die Grundlage für die spätere Großmacht Aragon/Katalonien schuf. Er starb in Perpignan.

Es gibt übrigens Beziehungen zu Deutschland: Als Graf der Provence mußte er den Lehnseid auf Kaiser Barbarossa ablegen. Seine älteste Tochter Konstanze war Gemahlin Friedrich II. und somit deutsche Königin und römische Kaiserin.

Verwunderlich an der Totenstätte in Vilabertran ist, dass Alfonso in seinem Testament verfügt hatte, dass er in der damals neuen Grablege der aragonesich-katalanischen Herrscher, im Zisterzienserkloster Poblet, dessen Kirchenbau unter ihm begonnen wurde, bestattet werden sollte. Dort ruhen wohl auch seine Gebeine im rechten Königssarkophag, auf dem (an erster Stelle) seine Liegefigur zu sehen ist.

Was liegt aber in Vilabertran? Vermutlich sein Herz und andere innere Teile, die bei der Einbalsamierung entfernt und in Vilabertran in einer Urne separat beigesetzt wurden. Eine besondere Beziehung Alfonsos zu dieser Gemeinschaft ergibt sich auch daraus, dass er 1194 eine Kanonikerstelle in Vilabertran gestiftet hatte.

Auch sonst ist eine besondere Stellung der Canonica zum Herrscherhaus bezeugt. 1295 wird König Jaime II. ("Der Gerechte") mit Blanca von Anjou/Neapel in der Kirche von Vilabertran kirchlich getraut. Die Eheschließung soll den von Papst Bonifatius VIII. gestifteten Frieden von Anagni zwischen dem Haus Anjou, das von Frankreich und dem Papst unterstützt wurde, und  dem Haus  Aragon/Katalonien besiegeln. In den langen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien - die durch die Heirat nicht beendet wurden - ging es vor allem um den Besitz von Sizilien.

Aber auch dieses bedeutende Ereignis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das vorbildliche Leben der Kanoniker sich zusehends aufgelöst hatte und weiter auflöste. Die Kanoniker und die Äbte gaben das gemeinschaftliche, besitzlose Leben auf und zogen es vor, getrennt zu wohnen. Auch wenn die Äbte - die teilweise außerhalb lebten - für weitergehende Bautätigkeit  und den Glanz des Kultes sorgten, eine geistig-geistliche Strahlkraft ging nicht mehr von Vilabertran aus.

Lediglich unter Abt Cosme Damia Hortola (1562-1568) wurde noch einmal der Versuch einer Erneuerung gemacht. Dieser, erster Rektor der Universität von Barcelona, Theologie-Gelehrter und Berater auf dem Konzil zu Trient (1545-1563), bemühte sich, die Tridentiner Reformen in der Canonica zur Geltung zu bringen und das geistige und geistliche Leben der Gemeinschaft wiederzubeleben. Sein prächtiger Sarkophag befindet sich in der Kirche.

Auf königliche Anordnung wird die Canonica 1592 aufgehoben und in eine Schule umgewandelt. Die Kanoniker werden Lehrer. Die Auflösung entspricht der zentralistischen Religionspolitik Philipps II., dem unabhängige Orden zuwider sind; er unterstellt die spanische Kirche den Dominikanern und dem vom König abhängigen Inquisitionstribunal.

1835 wird die Gemeinschaft gänzlich aufgehoben und die Anlage säkularisiert.

Fast hätte die Canonica einen "offiziellen" "Seligen" hervorgebracht und wäre dann wohl heute noch ein Ort der Heiligenverehrung.

1572 wird die anscheinend damals noch wohlerhaltene sterbliche Hülle von Abt Pere Rigau aus dem Kreuzgang in ein aufwendiges spätgotisches Sarglege im vorderen Teil der Kirche verbracht. Man betrieb seine "Seligsprechung" in Rom. Die Überlieferung berichtet, der Papst habe dieser schon stattgegeben. Doch der Bote, der die Bulle nach Vilabertran bringen sollte, kam bei einem Schiffbruch um und die Unterlagen gingen verloren. Sein Sarkophag steht heute im linken hinteren Teil der Kirche. Er trägt die Aufschrift:

Discat qui nescit, Petrus Abbas hic requiescit. Nec timeas falli, Petrus fuit iste Rigualli. - "Es sei belehrt, der es nicht weiß, hier ruht der Abt Petrus. Und fürchte nicht, dich zu irren; jener war Petrus Rigualli."

Der Sakophag ist heute leer.

Das alles entspricht wohl dem bescheidenen Reformpriester mehr als die hochkirchliche Ehrung und die Reliquienverehrung.

Es ist sicher nicht unpassend, am Abtsgarten vorbei, zu der Quelle "Font de l´Abbat Rigau" hinauszuwandern und dort seiner zu gedenken, wo er öfter sinnend und betend geweilt haben mag (auch wenn die Quelle zu seiner Zeit anders ausgesehen hat).

Empfehlenswert ist es auch, einen Blick vom "Torre d´en Reig" auf die Klosteranlage und die grüne Gartenlandschaft um Vilabertran mit seinen dunklen Zypressenreihen (gegen die Tramuntana gepflanzt) zu werfen. Der Torre d´den Reig ist eine bezaubernde Jugendstilanlage, die Ende des 19. Jahrhunderts der Forstingenieuer Josep Reig erbauen ließ. Heute ist darin das Rathaus untergebracht, wo man zu den Dienstzeiten Zugang zum Turm erhält.

Wolfram Janzen

 


 

Hier entstand der Jesuitenorden

   - Ein Rundgang durch Manresa -

 

Unweit der gewaltigen Klosteranlage Montserrat liegt im Tal des Llobregatflusses, der bei Barcelona ins Meer mündet, der alte Ort Manresa.

Wie eigentlich in ganz Spanien geht die Geschichte dieser Ortschaft, die sich  auf verschiedenen Hügeln ausbreitet, auf die Römerzeit zurück.  Damals hiess sie Minoresa  und war ein römisches municipium. Viel mehr als ein Marktflecken wird Manresa damals nicht gewesen sein. Aber als nach dem Maureneinfall die  Reconquista, die Wiedereroberung Spaniens für das Christentum einsetzte,  bekam diese Gegend eine grosse strategische Bedeutung. So soll  es der erste Katalanenherrscher (oder jedenfalls der, den die Katalanen später zu ihm erklärten)  Guifré el Pelós  ( Wilfred der Behaarte) gewesen sein, der  hier eine mächtige  Grafschaft als  Bollwerk gegen die  ungläubigen Muslime errichtete,  eine Grafschaft deren Ländereien  sich bis zum Fuss der Pyrenäen erstreckten: el Comtat de Manresa.

1328, die Christen waren wieder Herr im eigenen Hause,  wurde der Bau einer  Kirche zum höheren Ruhme Gottes beschlossen. Die fiel so  grossartig aus,  dass sie,  die wie auf  einer Akropolis thront, der Kathedrale von Barcelona kaum nachsteht. Leider wurde auch dieser Sakralbau bei verschiedenen Kriegen schwer beschädigt, verwüstet und geplündert: das erste Mal beim Spanischen Erbfolgekrieg 1714 und ein zweites Mal beim Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges 1936.

Auf die architektonischen Besonderheiten dieser Kirche gehen wir hier nicht ein, obwohl sie bemerkenswert sind. Nur soviel: die Bürger von Manresa nannten ihren bedeutendsten Bau von Anfang an Seu (kat. Sitz), eine Bezeichnung,  die ausschliesslich  Bischofskirchen vorbehalten war. Dabei war  Manresa  nie  ein selbständiges Bistum, sondern unterstand der Diözese von Vic.

Wo  Wert und Schönheit ist, da sind auch die Vandalen nicht weit. Die wertvollste Statue der Kathedrale von Manresa war  die Darstellung der Mare de Deu de l’Alba (Muttergottes der Morgenröte.) Sie wurde 1979, also zu  einer Zeit absoluten Friedens,  durch Brandstiftung zerstört. Was man heute sehen kann, ist eine Kopie.

Es erscheint historisch gesichert, dass sich  der Begründer des Jesuitenordens, Ignacio de Loyola, vor dem Bild der Muttergottes der Morgenröte verneigt und sie um Unterstützung bei seinen frommen Vorsätzen  gebeten hat. Schliesslich war er ein spät bekehrter Lebemann  und seine gewaltigen Aufrufe an die Bürger, wie er selbst  Einkehr zu halten und Busse zu tun,  hörten die etablierten Geistlichen in jener Zeit gar nicht gerne. Das Seelenheil der Menschen sollte ihnen allein anvertraut bleiben! Loyola hatte die grösste Mühe, seinen Orden zu gründen, der in den folgenden Jahrhunderten einen hervorragenden Platz im kulturellen und religiösen Leben Spaniens einnehmen sollte. Denn wenn die Jesuiten wegen ihrer Nähe zur Politik, wegen ihrer manchmal diabolischen Einflüsterungen bei Hofe auch von Herzen verhasst waren, so waren sie doch auch die Träger von Bildung und Erziehung. Im Mittelalter konnten fast nur Klosterbrüder und Geistliche lesen und schreiben.

Manresa  gilt heute unbestritten  als der geistige Hort  des Jesuitengedankens und Geburtsort  des gleichnamigen Ordens. Ignatius von Loyola, wie er auf deutsch heisst,  stand im Dienst der Katholischen Könige Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien, den Begründern des vereinigten spanischen Königreiches  und  Auftraggeber des  Christoph Kolumbus.   

Wenn man heute Manresa besucht, ist von der spirituellen Vergangenheit nicht mehr viel zu spüren, denn der Ort wurde im Industriezeitalter mit vielen Fabriken durchsetzt. Trotzdem lohnt ein Stadtrundgang. Beginnen Sie am besten bei der Plaça Sant Doménec im Norden des historischen Stadtkerns. Hier finden sich Jugendstilbauten mit dem Kulturhaus La Casa de Cultura. Den Passeig Carles III bezeichnen viele Kenner Kataloniens als die zweitschönste Flaniermeile nach den Ramblas von Barcelona. Eindrucksvoll ist die mächtige Platanenallee, ein Baum, der  in vielen Ortschaften  geradezu als  Emblem Kataloniens verstanden werden kann.

Und wenn Sie nach dieser Besichtigung noch Lust auf weitere Sakralbauten haben, dann lohnt sich ein Abstecher nach  dem Benediktinerkloster  Sant Benet an der Landstrasse nach Vic in der Ortschaft Sant Fruitós de Bages.  Es stammt aus dem 10. Jahrhundert, wurde aber über 800 weitere Jahre ständig vergrössert und erweitert. Besonders sehenswert ist  der 1225 vollendete Kreuzgang, auf dessen Blöcken nicht nur biblische Szenen, sondern auch solche aus dem bäuerlichen Alltag verewigt sind.  Es ist gar nicht selbstverständlich, dass dieses Juwel aus romanischer Zeit erhalten blieb: im Jahre 1835 gab es eine grosse Privatisierungs-und Enteignungswelle von Kirchenbesitz in Spanien. Dabei wurden wertvollste Bauten verkauft, von den neuen Besitzern umgebaut oder sie fielen der Spitzhacke zum Opfer, um an ihrer Stelle moderne Fincas anzulegen.

 

 


 

Grafenfestung und  Zauberburg -  El Castell de Quermanco (Carmanzo)

                                                                                  
Wer von Figuera nach Llanca fährt, sieht in der Höhe von Vilajuiga rechter Hand einen
felsigen Bergkegel mit der Burg liegen. Jeder, der unsere Gegend bereist, kennt diesen unübersehbaren Ort.  Aber wer kennt die Geschichte und die Geschichten, die mit
ihm verbunden sind? Vor einigen Jahren hat die verlassene Burg das Interesse der Öffentlichkeit auf sich gezogen, als der Plan bekannt wurde, in ihr eine Tramontana-Windorgel zu installieren, eine Idee, die auf Dali zurückgeht. Aus verschiedenen Gründen ist der Plan bis jetzt noch nicht verwirklicht worden. Leider kann das Innere der Burg nun nicht mehr betreten werden.

Dennoch hat man von dort aus einen umfassenden Blick auf die weite Ebene des Empordan und die umliegenden Berge.

Die Festung wurde wohl von dem Grafen Ponc I. von Empuries im 11. Jahrhundert errichtet.
Funde deuten darauf hin, daß der Berg schon in iberischer und römischer, vielleicht auch in
westgotischer und maurischer Zeit eine Rolle spielte. Wegen ihrer strategisch wichtigen und
günstigen Lage wurde die Burg immer wieder belagert, zerstört und wiederaufgebaut. Ein Hauch von Tragik liegt über dem Ort und hat zur Bildung von Legenden geführt.

Die Festung beherbergte eine Zeitlang das Archiv der Grafen von Empuries, "weil sie der festeste und am besten zu verteidigende Ort der Grafschaft, mit drei Mauern" war. Das Archiv war für die Herrscher wichtig, weil es die Rechte und Pflichten der Herrschaft und der Untertanen, sowie die diplomatischen Vereinbarungen dokumentierte.

1128 und 1138 verschanzte sich der streitbare Ponc Hug II. in der Festung, als die mächtigen Grafen von Barcelona, Ramon Berenguer III. und IV., gegen ihn zu Felde zogen. Sie, die auch Herren der Provence und des Königreiches Aragonien wurden, beanspruchten die Oberhoheit, der sich Pons nicht beugen wollte. Er wurde besiegt, in der Burg gefangen genommen und erhielt erst den Friedensschluß, als er versprach, die Burg dauerhaft zu schleifen.

Offenbar geschah dies nicht vollständig, denn 1288 wurde die Burg von den Kreuzrittern des französchen Königs Philipp des Kühnen belagert und zerstört. Diesmal stand der Graf von Empuries auf Seiten des Königs von Aragon/Katalonien Pere II. Gegen ihn hatte der Papst aus politischen Gründen zum letztlich erfolglosen Kreuzzug aufgerufen.

Im 14. Jahrhundert war die Burg in den Händen der Adligen Vilarig.
Sie durften mit Erlaubnis des Bischofs von Girona einen Altar in der Burgkapelle St. Pere
errichten, um dort Messe feiern zu können.

Nach weiterem wechselvollen Schicksal wurde die zerfallene Burg 1808 von den napoleonischen Truppen als Stützpunkt repariert und erweitert. Fern von den englischen
Kanonen auf den Schiffen in der Bucht von Roses, errichteten sie ein Waffen- und Munitionslager. Bei ihrem Rückzug aus Spanien ließ der Marschall Suchet Quermanco sprengen.

1880 ließen sich eine Zeitlang aus Frankreich vertriebene Benediktiner auf dem Berg nieder, gleichsam ein Zeichen des Friedens an diesem wenig friedlichen Ort.

Heute sieht man noch die Reste von Mauern, des Hauptturmes, eines großen Saales, der Kirche, einer Zisterne und zweier Außentürme.

Volk und Schriftsteller haben manche Sage mit der Burg verbunden. So gibt es die auch an anderen Orten zu findende Erzählung von einer Goldziege (cabra d´or), die unter der Burg vergraben sein soll. Die legendären Juden von Vilajuiga, eine Königin oder ein maurischer König hätten sie bei ihrer jeweiligen Flucht versteckt. Bisweilen wurde sie noch des Nachts gesehen, wie sie hervorkam, einen Dämon auf dem Rücken, der nächtliche Besucher erschreckt.

Dali, der die Burg liebte und erwerben wollte, lud seine Nichte zu einem Spaziergang ein, um die goldenen Ziege zu suchen. Er war der Auffassung, daß man von der Burg aus die schönsten Sonnenuntergänge der Welt sehen könne.

Weiterhin wird von einer Gräfin, Teresa von Molins, erzählt. Sie verließ ihr adliges Leben, um sich einer Räuberbande als Anführerin anzuschließen.  Endlich war sie ihrer Untaten und der Streitereinen unter der Bande müde. 1826  ging sie mit einer Fackel in den Keller der Burg und sprengte sich mitsamt ihren Genossen und ihrer Behausung mit den Resten des Schießpulvers, das die Franzosen hinterlassen hatten, in die Luft.

Wird die Burg San Salvador über Sant Pere de Rodes mit Parzival und dem Gral verbunden,
so ist Quermanco das Gegenstück, die Burg Schastelmarveille. Auf ihr hauste der Zauberer Klinschor und hatte große Schätze angehäuft. Er, der wegen einer Liebesaffäre entmannt worden war, "gönnte weder Mann noch Weib Gutes" (Wolfram von Eschenbach, Parzival). Er hielt auf seinem Schloß viele Frauen gefangen, die dort der Erlösung harrten.
Man kann sich gut vorstellen, das auf dem ehemals hohen Torre mestra, dem
Bergfried von Quermanco, seine Zaubersäule gestanden haben könnte, in der er "alle Länder ringsum erblickte".

Wer mehr über die Burg erfahren will, kann die Internet-Seiten www.castelldequermanco.es
anschauen.

Wolfram Janzen



Ein Kulturspaziergang im Tal des Riera Trencada

Wenn man von Roses Richtung Cadaques fährt, kommt rechter Hand - in der Höhe des Can Coll -  ein Feldweg. Er führt neben einem Bachbett in ein Tal hinein.

Es ist das Tal des Baches (Riera) Trencada ("Brechbach") oder wie das Tal früher hieß: "Vall de Penida" (vom Gebirgszug des Peni abgeleitet). Je weiter man in das Tal hineingeht, desto ursprünglicher wird die Landschaft, um schließlich zum Gebirgszug (muntanya) de la Bruna mit dem Gipfel (Puig) de l´Aguila ("Adlerberg") hin in einer wilden Klamm zu enden, wo nur noch ein schmaler Pfad aufwärts führt.

Hält man sich links zum Serrat de can Berta (Bergkette des Gehöftes Berta),

so gelangt man an Can Berta vorbei über die Straße hinweg zu Burg Bufaleranya, die das Tal beherrscht.

Der Weg, der zum kleinen, reizvollen Bassa (Teich) d´en Coll führt, ist bei den Anwohnern der umliegenden Urbanisationen sehr beliebt, vor allem, wenn sie Hundebesitzer sind. Über den See hinaus machen vor allem Jäger die Gegend unsicher, nicht so sehr die vielen Wildschweine.

Doch wer von den Spaziergängern weiß, dass es sich bei dem Tal um eine alte Kulturlandschaft handelt, die schon in römischer Zeit besiedelt war. Im Mittelalter, ja bis ins 19. Jahrhundert hinein, war das Tal ein blühendes landwirtschaftliches Gebiet mit Oliven- und Weinanpflanzungen, mit Weiden und Baumbeständen. Im Veinat (Nachbarschaftsverband) de Penida gab es ein Herrenhaus  ( das Can Coll, das heute noch besteht), über ein Dutzend Masien (Bauernhöfe), ein Weiler, ein Kirchlein, zwei Mühlen und besagte Burg. Heute sind die meisten Masien, die Mühlen und die Burg Ruinen, die Anpflanzungen bis auf wenige vom Buschwerk überwuchert.

Es ist aber reizvoll, sich auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit zu machen und das Tal aufmerksam zu durchwandern.

 

Was heute noch zu sehen ist

An erster Stelle steht das Mas d´en Coll, eine Masia, die schon als Schlößchen bezeichnet werden kann. Sie ist eine der besterhaltenen und schönsten auf dem Gebiet von Roses. Sie wird von der Familie der Barone Coll de Roses bewohnt. Seit 1679 wird hier Wein angebaut und produziert.

Die erste urkundliche Erwähnung des Hauses erfolgt 1211, wo es von einem Joan Roig de Font bewohnt wird und infolgedessen mas Roig  (antic) heißt ( die Masien werden nach einem alten Besitzer benannt). Im Laufe der Zeit wird sie von der Familie Coll erworben, von denen ein Zweig seit 1245 in Roses ansäßig ist. 1560 und 1700 wird das Gebäude neu errichtet und seitdem mas Coll (modern) genannt. Im 19. Jahrhundert findet nochmals eine Erweiterung und Umgestaltung statt. So hat die Bebauung des Ortes einen vielfachen Wandel erfahren: von einer römischen Villa zum Turmhaus, zur Burg, zum Renaissanceschlößchen bis hin zu Zufügungen im Jugendstil. Auch die Innenräume des Schlößchens zeigen die Spuren verschiedener Epochen.

1990 wurde das Haus vollkommen restauriert und zeigt sich innen und außen in bemerkenswerter Eleganz. Einige der stilvoll eingerichteten  und mit vielen Kunstwerken ausgestatteten Räume, ein Museum, die Kapelle  und die alten Kellergewölbe mit den Utensilien zur Wein- und Ölherstellung können besichtigt werden. Mit der Besichtigung, die täglich möglich ist, kann eine Weinprobe verbunden werden.

Zu der Masia gehört eine Mühle, deren Ruinen sich am rechten Bachufer jenseits der Straße befinden.

Bemerkenswert ist das auch etwas weiter, links vom Bachufer liegende, schön renovierte mas Palou (heute Ferienwohnungen). An ihm läßt sich die klassische Form der katalanischen Masia beobachten. Es besteht aus zwei Blöcken mit Erdgeschoß und Stockwerk, die durch einen teilweise bedachten Raum getrennt werden. Letzterer war Viehpferch (corral).

Im Erdgeschoß des ersten Blockes befanden sich Ställe und Räume für Vorratsbehälter, Karren und Geräte. Im Obergeschoß wohnten die Besitzer oder Pächter. Im zweiten Block gab es unten wieder Ställe. Das Stockwerk diente als Scheune für Stroh und Getreide.

An der Fassade des Wohnhaus erblickt man die traditionelle Sonnenuhr.

Wenn wir das Tal weiter hinauf wandern, sehen wir bald auf der rechten Seite das mas d´en Pairet. Im 19. Jh. wohnten und wirtschafteten hier die Pairets. Dann gelangte das Haus an die Colls, die es an die Guitarts verpachteten, die sich der Schaf- und Geflügelhaltung widmeten, aber auch die Gärten und Felder pflegten. Auch heute noch wird von dort eine große Herde von Ziegen und Schafen von einer alten Hirtin ausgeführt.

Die Masia war periodischer Treffpunkt von Hirten der Umgebung, die hier ihren "Viehmarkt" abhielten.

Links vom Mas Pairet befinden sich die Ruinen der zweiten Mühle des Tales, der Moli d´en Pairet oder Barbansa. Man erkennt noch den Mühlenteich (heute Wiese) und den Mühlenkanal. Beide Mühlen sollen übrigens nicht vom Wasser der Trencada betrieben worden sein, sondern von einer unterirdischen Quelle des Roca Negra, deren Wasser zu den Mühlen geleitet wurde. Die Bächer sind ja meist trocken, wenn es auch schon große Überschwemmungen im Tal gab.

Früher hatten die Bachläufe sicher auch mehr Wasser, da eine kultivierte und baumbestandene Landschaft die Feuchtigkeit besser hielt als die jetzige mediterrane "Heide" (bruc/garriga).

Auch die Wasser des Bassa d´Coll weiter aufwärts hängen wohl mit dieser Quelle zusammen. Jedenfalls ist der See künstlich durch die Ausräumung von Gestein und Erde entstanden, welche für die Bau- und Erdarbeiten im Tale benötigt wurden.

Wenn wir links vom See weiter laufen und uns bei einer Abzweigung rechts halten, gelangen wir an eine große und verlassene Masia, Mas d´en Berta de Panida oder de Vilalonga. Die von Größe und Lage her eindrucksvolle Masia - schon im späten Mittelalter erwähnt - ist seit 1959 aufgegeben und verfällt leider immer mehr. Die früheren Besitzer, die Bertas, müssen einmal sehr reich gewesen sein. Die Masia umfasste fast 900 Morgen Land: Weinberge, Olivenhaine, Felder, Wiesen, Waldbestände, Ödland. (Normalerweise hat eine große Masia 70 bis 80 Morgen Land; ein Morgen (vessana) hat 2500 qm). Der Wein, ein süßer Muskateller, soll excellent gewesen sein. Es wird erzählt, dass einer der Bertas Jahrgänge ab der Geburt seiner einzigen Tochter gehortet habe. Im heiratsfähigen Alter soll sie dann als eine der besten Partien im Emporda gegolten haben. Die Weinseligkeit nahm allerdings Ende des 19. Jh. mit dem Auftreten der Reblaus ( fil.loxera) ein Ende.

Dem Haupthaus ist ein ummauerter Hof mit Eisentor vorgelagert, der auch als Corral diente. Das Haupthaus, in dem die Besitzer residierten, hat ein Erdgeschoß mit Räumen für die Wirtschaftstätigkeiten, die noch in Spuren erkennbar sind.

Darüber befinden sich zwei Stockwerke mit Wohn-, Schlaf- und wohl auch Vorratsräumen. Von einer großen Terasse hat man eine herrliche Aussicht. (Das Betreten des ersten Stockwerkes ist allerdings mit Gefahren verbunden!). Links vom Haupthaus - mit ihm verbunden - befindet sich das kleinere Haus des Pächters (masover) mit nur einem Stockwerk über einem Erdgeschoß. Links von den Häusern befindet sich die jetzt zerfallene Scheune für Kutschen, Karren, Werkzeuge und Futtervorräte.

Der Weg führt an der Masia vorbei nun stärker aufwärts zu Burg. Jenseits der Straße gibt es einen Pfad zum Gipfel, der zwar nur kurz, aber steil und unwegsam ist. Wir sind jetzt von 30 m Höhe (Can Coll) auf 236 m angekommen.

Das Castell de Brufaganyas oder Bufaleranya belohnt den Wanderer  mit einer schönen Aussicht über das Tal. Die Reste des Hauptsaals, errichtet auf dem gewachsenen Felsen, mit einem gewaltigen Mittelpfeiler, zeigen dicke Mauern. Das Fischgratmuster  (opus spicatum) weist darauf hin, dass sie uralt sein müssen.

Die Burg wurde von den Grafen von Empuries im 9./10. Jh. - mit einer Kette von anderen Burgen - errichtet, um Überwege zu sichern. Danach ging sie in den Besitz des Klosters Sant Pere de Rodes über, deren Äbte ja auch ein Interesse hatten, die Zugangswege zu ihrem Gebiet zu kontrollieren.  Große historische oder militärische Bedeutung hatte sie aber nicht und verfiel wohl bald.

Man fragt sich, wie die Leute wohl auf diesem windigen Felsennest gehaust haben. Nicht umsonst kommt der Name, dessen verschiedene Ausprägungen allerlei Verballhornungen enthalten, von "Bufagranges", was wohl "windige Höfe" heißt.

 

( Lit.: Joan Rabell i Coll, Els Masos de Roses, Roses 1991.

Arnald Pluja i Canals, El Cap de Creus, 2. Aufl. 2001)

 

Wolfram Janzen

 

 


 

Grenzfestung und Märchenschloß - Das Castillo Requesens

Der glanzvolle Wiederaufbau des Schlosses
(Eine historische Erzählung)



An St. Joan 1899 bewegte sich ein feierlicher Zug zur Burg von Requesens hinauf. Vornehm gekleidete Menschen saßen in Kutschen, die den steinigen
Weg hinauf holperten, Landvolk in Feiertagskleidung zog zu Fuß hinterher.
Oben auf dem Berg traten die Menschen aus dem Korkeichenwald. Der Blick öffnete sich auf die umliegenden Berge des Alberes-Gebirge. Über der Burg im Norden ragte der Puig Neulos, der Frankreich von Katalonien schied. Doch was den Blick der Menschen anzog, lag vor ihnen. Vor ihren Augen erhob sich ein
phantastisches Schloß. Gewaltige zinnenbekrönte Mauern stiegen empor, hohe Türme ragten in den Himmel. Der Traum von einer Ritterburg war wahr geworden.

Der Zug machte Halt. Menschen kletterten aus den Kutschen.
Die festliche Menge zog durch ein umkränztes Tor, Weihwasserkessel schwenkende Geistliche schritten voran. Hinter ihnen eine vornehme, ältere Dame in Schwarz. Es war Dona Juana Adelaida, Gräfin von Montenegro und Peralada.

Sie war die letzte einer berühmten katalanischen Adelsfamilie, der Grafen von Peralada, aus der Linie der Rocaberti-Dameto-Boxador. Schwarzes Kleid, schwarzen Schleier und Hut deuteten darauf hin, dass die Dame in Trauer war.
Im Januar des vergangenen Jahres war ihr Bruder, Don Tomas de Rocaberti-Dameto, Graf von Peralada und Vizegraf von Rocaberti, Abgeordneter, Diplomat, großer Kunst- und Bücherfreund, gestorben.

Die Wiedererrichtung des verfallenen Schlosses Requesens, das den Rocabertis
500 Jahre gehört hatte, war ihr gemeinsames Ziel gewesen. Welche Mühen, welchen Sachverstand, welche Kosten hatten sie aufgewandt, um ihren Traum
zu verwirklichen! Neun Jahre hatten die Bauarbeiten gedauert. Nun war es so weit, das Schloss wurde eingeweiht.

Nach dem Vorbild des großen französischen Architekten und Restaurators
Viollet-le-Duc hatte ein Architekt aus Figueres den Wiederaufbau geleitet.
Nun hatten auch die Katalanen ihr Neuschwanstein, ihr Märchenschloß, ein Denkmal der großen Vergangenheit der Rocabertis und Kataloniens.
Es war ein katalanisches Bauwerk geworden, bodenständig, teilweise auf den Grundmauern der alten Burg errichtet, mit Bruchsteinen der Umgegend, auch innen katalanisch gestaltet.

Vor dem Portal der Schloßkirche machte der Zug Halt. Das Portal war aus
Steinen der zum Bauernhof umgewandelten alten romanischen Wallfahrtskapelle Santa Maria de Requesens gefügt. Sie liegt unterhalb der Burg, nach Süden hin. Zur "Muttergottes von Requesens", die auch "Jungfrau des Erbarmens" hieß, waren unzählige Pilger aus der Umgegend gezogen, um ihre Hilfe zu erflehen. Berühmt war vor allem die "Tramontana-Prozession" von 1612 bis 1868, bei der Gläubige aus Figueres, Castello d´Empuries und anderswoher kamen. Sie baten um den "reinigenden" Tramuntana-Wind, der sie von den krankmachenden Folgen der Ausdünstungen von Seen und Sümpfen befreien sollte. Nun war das gotische Muttergottesbild in die Schloßkapelle gebracht worden. Ein zweites Marienbild hatte man aus dem aufgehobenen Carmen-Kloster in Peralada geholt, die "Virgen del Carmen" oder "de la Divina Providentia" (Göttliche Vorhersehung). Im Bogen des Portals der Schlosskapelle war entsprechend eine Muttergottes mit Kind eingesetzt worden.
 
Die Teilnehmer des Festzuges betraten das kerzenerhellte Innere der Kirche, das man dem romanischen Stil nachempfunden gestaltet hatte. Eine feierliche Messe begann.

Nach dem Gottesdienst war die Besichtigung des Schlosses für die Gäste aus Adel und wohlhabendem Bürgertum, den Vertretern aus Politik, Gelehrsamkeit
und Kunst sowie den Honoratioren der umliegenden Dörfer und Städte angesagt.

Zuerst ging´s ins "Hospital", das Gäste- und Krankenhaus, das in alter Tradition
neben der Kirche lag, wie es sich für eine Wallfahrtskirche gehört. Dann wurden die staunenden Besucher durch ein Labyrinth von mauernumsäumten Gebäuden mit hellen Sälen, Küchen und Zimmern, durch Tore und dunkle Gänge, über winklige Treppen zu weiten Terassen und Gärten mit Teichen und plätschernden Brunnen geführt. Die Zimmer und Unterkünfte waren in katalanisch-ländlicher Art im Geschmack der Zeit zum Wohnen und Leben ausgestattet; die Säle entsprachen romantischen Vorstellungen vom Ritterleben. Allerlei Zierrat war zu sehen, bunte Kacheln, phantastische Figuren, im Stile des Modernisme, des katalanischern Jugendstils. Von Türmen und Mauergängen hatten die Besucher einen weiten Blick ins Land, das den Herren von Peralada untertan war.

Nach dem Rundgang begann ein rauschendes, mehrtägiges Fest, das im Haupthaus und im großen Saal unterhalb des gewaltigen Bergfrieds stattfand.

Wer von den Festbesuchern mag wohl geahnt haben, welches Schicksal die
"Vorsehung" dem Schloß vorherbestimmt hatte? Schon nach dem Einweihungstag erkrankte Dona Adelaida schwer und noch im selben Monat verstarb sie. Man munkelte von Giftmord.

Das Schloß ging in die Hände von entfernten und desinteressierten Verwandten
über, die schließlich das gesamte Erbe der Rocaberti veräußerten, weil sie es
aus finanziellen Gründen nicht mehr halten konnten. Die Zeit des Adels war vorbei, vom vergangenen Ruhm ließ  sich nicht mehr leben.

Requesens wurde dann von verschiedenen Besitzern aus Adel und Bürgertum
erworben, für die Schloß oder umgebende Ländereien Ausbeutungsobjekte waren. Im spanischen Bürgerkrieg wurde das Castillo geplündert.
1942  wurde das Schloß  von seinem adligen Besitzer verkauft, total ausgeräumt
und verlassen. In der Franco-Zeit dienten die Behausungen Sodaten, die die Grenze bewachten, als Kaserne. Sie verließen das Kastell im ruinösen Zustand.
Die heutigen Besitzer verwahren das Schloß so, dass es wenigstens nicht mehr weiter beraubt oder zerstört wird.

Trotz des traurigen Zustandes, in dem sich das Schloß heute befindet,
ist es immer noch, auch wegen seiner Lage, von zauberhaftem Reiz.
Man ahnt etwas von seiner einstigen Pracht und einer langen, wechselhaften
Geschichte.

Aus der Geschichte von Requesens

859 - in karolingischen Zeiten - wird ein Weiler (villare) "Richusins" in einer Urkunde erwähnt, über den Rechte einem Adligen namens Oriol (Aureolum) vom fränkischen König verliehen werden. Auch die Kirche Santa Maria de Requesens wird in diesen Zeiten genannt. Der Name Requesens (katalanisch Recasens) leitet sich von dem westgotischen Namen Recosindo ab. Dies war wohl der westgotische Gründer oder das Oberhaupt der Ansiedlung. Sie befand sich wahrscheinlich da, wo heute die alte Kirche ist. Das alte Requesens lag auf dem Gebiet der Grafen von Empuries-Peralada.

Im Laufe der Zeit ist eine Befestigungsanlage auf dem Berg entstanden. Im 11./!2. Jahrhundert wurde die Burg von den Grafen von Roussillon ausgebaut. Warum sie das taten und weshalb sie Wert auf diese Festung legten, versteht man, wenn man die Lage der Burg betrachtet. Sie liegt im Grenzgebiet der verschiedenen Herrschaftsbereiche und an Übergangswegen. Ursprünglich war das Rossello auch mit der Grafschaft Empuries-Peralada verbunden, wurde dann aber durch Erbteilung abgetrennt, genauso wie Peralada. So entstand also die Situation, dass die Burg den Grafen von Rossello gehörte, aber auf dem Gebiet der Herren und Vizegrafen von Peralada lag, deren Oberherren wiederum die Grafen von Empuries waren. Diese Adligen waren zwar alle miteinander verwandt, und beschworen auch immer wieder ihre Einigkeit in Verträgen. Sie waren aber trotzdem auf Wahrung und Erweiterung ihres Besitzes und ihrer Rechte bedacht. So entstanden oft Streitigkeiten und lokale Kriege. Und auch die Burg erlebte wohl manchen feudalen Kleinkrieg. Doch für den oft zitierten "Krieg von Requesens"  (um 1150) zwischen dem Grafen Pons Hug II. von Empuries und dem Grafen  Gaufried III. von Rossello gibt es keinen urkundlichen Beleg. 

Die Burg wurde im 11./12. Jh. "Zwischenwirten" , Kastellanen, übergeben, die sie verwalteten, bewohnten und verteidigten . Im 13. Jh. wurde sie erbliches Lehen. Aus einer solchen Kastellanenfamilie ist möglicherweise die Adelssippe derer von Requesens entstanden, die viele Zweige hat und in der katalanischen Geschichte eine große Rolle spielt. Den Namen de Requesens tragen manche bedeutende Politiker, Feldherren, Admirale, Bischöfe und Theologen Kataloniens und Spaniens.
Der berühmteste ist wohl Luis de Requesens y Zunigo aus dem Zweig Terragona/Soler der Requesens. Er war maßgeblich an dem Seesieg  bei Lepanto (1571) der unter spanischer Führung stehenden christlichen Allianz gegen die Türken beteiligt. Später war er Statthalter in Flandern.
Er war aber nicht - entgegen der Legende - Herr von Requesens und führte in der Seeschlacht auch nicht die Muttergottes von Requesens in der Standarte ( sondern ein anderes Marienbildnis aus seinem Barceloneser Stadtpalast).

Zeitweilig stand die Burg auch unter dem Einfluß der Vescomtes de Rocaberti, der Herren von Peralada. Sie verteidigten das Castillo 1285 gegen die Truppen Philipps des Kühnen von Frankreich, der gegen den Grafen von Barcelona und König von Aragon einen Kreuzzug führte, 1288 zerstörten die Franzosen das Schloß.  Die Rocaberti erwarben schließlich das Schloß 1418 aus dem Besitz der Grafen von Empuries. Sie besaßen es bis 1923.

(Quelle: Pelai Negre i Pastell, El Castillo des Requesens (1954), www.raco.cat.)

Zugang zur Burg:

N II Richtung Jonquera. Beim zweiten Kreisel führt eine Straße rechts nach Cantallops. Rechts um den Ort herum über eine Brücke über den Riera de Requesens. Dann links zu einem Platz mit Wegetafel. Von dort führt eine gute Schotterpiste zum Coll de Medas (schöne Aussicht). Ein Fußweg geht bei den letzten Häusern von Cantallops rechts ab zum Coll de Medas (steil und steinig). Vom Paß geht die Piste weiter durch Korkeichen- und Kastanienwälder bis zu einer Weggabelung.
Geradeaus geht es zum jetzigen Weiler Requesens mit der "Cantina" (Gast-
wirtschaft) und zum Puig Neulos. Zum Schloß geht/fährt man über die Bachbrücke rechts ab und nimmt den oberen Weg (der untere führt nach  St. Climent Sescebes). Man kann bis vor das Schloß fahren, den letzten Teil des Weges, von der Brücke an, läuft man aber besser. Fahrtzeit von Cantallops: 35 Minuten.
Gehzeit: ca. 2,5 St.
Die Burg ist samstags, sonntags und an Festtagen von 11-17 Uhr geöffnet.
Eintritt 2 Euro.

Wolfram Janzen